Auf dem Altstädtischen Markt von Brandenburg an der Havel steht eine Bühne. Eine Jazzcombo spielt, Seifenblasen fliegen über den Platz. Mitarbeiter der Stadtwerke verteilen gelbe Plastikquietsche-Entchen. Die Stadt Brandenburg an der Havel feiert ein Bürgerfest, um für den Erhalt ihrer Kreisfreiheit zu streiten. Denn am Abend findet im alten Stahlwerk die erste Leitbildkonferenz statt, auf der Innenminister Karl-Heinz Schröter (SPD) und Finanzminister Christian Görke (Linke) mit Bürgern vor Ort über die geplante Kreisgebietsreform diskutieren wollen.

"Wir haben Großes ohne Landrat geschafft, und wir werden es in Zukunft auch ohne Landrat schaffen", sagt der Vorsitzende der Stadtverordnetenversammlung von Brandenburg, Walter Paaschen. Tatsächlich ist das 71 000 Einwohner zählende Brandenburg an der Havel wie die übrigen kreisfreien Städte in Brandenburg hoch verschuldet: Pro Einwohner hat die Stadt 2500 Euro Kassenkredite und damit die höchste Verschuldung aller kreisfreien Städte. Doch das wird beim Bürgerfest nicht thematisiert. Stattdessen tritt der Brandenburger Karnevalsclub auf. Argumente hingegen gibt es wenig: "Wir wollen einfach gefragt werden, mitreden, wenn es um unsere Stadt geht", sagt Oberbürgermeisterin Dietlind Tiemann (CDU), die in Potsdam zuweilen auch die "Löwin von Brandenburg" genannt wird.

Zwei Stunden später im alten Stahlwerk. Zusammen mit anderen Stadtverordneten ziehen Holzschuher und Tiemann in den von rund 800 Brandenburgern besetzten Saal ein. In den Händen tragen sie ein Transparent. "Mein Herz schlägt kreisfrei", steht darauf. Mit stehendem Applaus wird Oberbürgermeisterin Tiemann im Saal begrüßt. Sie fordert die Finanzausstattung, "die uns zusteht". Innenminister Schröter dagegen wird ausgepfiffen und ausgebuht, als er die Bühne betritt. Im Handstreich fegt er die Argumente der Stadt vom Tisch. "Eine Leitstelle hat nichts mit der Kreisfreiheit zu tun", sagt Schröter. "Auch die kreisangehörige Stadt Eberswalde hat eine Leitstelle." An unzähligen Beispielen - vom Eigentum am Klinikum bis zur Bundesgartenschau, die auch in der kreisangehörigen Stadt Rathenow stattfindet - macht er deutlich, dass der Verlust der Kreisfreiheit kaum Auswirkungen auf die Stadt hätte. Der Applaus bleibt schwach, aber Buhrufe gibt es kaum noch.

Dann der Finanzminister. Christian Görke argumentiert mit dem Wegfall des Solidarpakts, verweist auf die Kassenkredite. "Nur bei den kreisfreien Städten steigt die Verschuldung wieder", sagt er. In den vergangenen zwölf Jahren seien 170 Millionen Euro Kassenkredite aufgenommen worden - alle Landkreise in der Umgebung hätten keine. In der Halle wird es ruhig. Zwischenrufe gibt es kaum noch. Überzeugen die Minister die kritischen Brandenburger? "Wir arbeiten an einer Teilentschuldung in Höhe von 400 Millionen Euro", sagt Görke - und wird vom Publikum niedergeklatscht.

Und Dietlind Tiemann legt nach. Sie sei nach den Auftritten der Minister "traurig": "Das, was Sie uns hier an Zahlen zumuten: Fragt sich denn irgendwer in der Landesregierung, wie die entstehen?", sagt die streitbare Oberbürgermeisterin. Das Land gebe einfach nicht genug Geld an die Städte weiter. "Wir leben hier nicht über unsere Verhältnisse." Da ist er wieder, der donnernde Applaus. Die Löwin von Brandenburg an der Havel hat den Saal zurückerobert.

Zum Thema:
Auch in der Lausitz werden Leitbildkonferenzen veranstaltet: LDS: Dienstag, 8. September, Mehrzweckhalle Lübben TF: Montag, 14. September, CommCenter Luckenwalde OSL: Mittwoch, 30. September, Kulturhaus BASF Schwarzheide EE: Donnerstag, 1. Oktober, Oberschule Elsterwerda SPN: Dienstag, 6. Oktober, Jahn-Gymnasium Forst CB: Mittwoch, 7. Oktober, Radisson Blu Hotel Cottbus