Die Suche nach Sauriern führt durch Dörfer mit schmucken Fachwerkhäusern und pittoresken Vorgärten. Über eine Landstraße gezwängt in grüne Wiesen, einen Weg durch Weizenfelder, die von Klatschmohn gesäumt sind – und über den Rand eines Abgrunds. „Wissenschaftliche Grabungen. Betreten für Unbefugte verboten.“ Ein Blechschild und ein Loch im Zaun verraten die Stelle, an der Rainer Schoch und sein Grabungsteam des Stuttgarter Naturkundemuseums nach den Bewohnern der Urzeit fahnden. Ein schmaler, von schweren Stiefeln aufgewühlter Pfad führt steil hinab in den Steinbruch, in dem sie dem Geröll seine Geheimnisse entlocken.
Am Rande einer grauen Kraterlandschaft thronen die Forscher auf einem Plateau, das der Steinbruchbesitzer ihnen gelassen hat. In der Ferne rumpeln Lastwagen über Schotterstraßen aus Muschelkalk. In den Augen brennt der Staub. Die Paläontologen und Präparatoren brüten im gleißenden Sonnenlicht über einer braunen Schicht aus Tonstein. Sie meißeln, kratzen, pinseln, schaben mit Akribie und Ausdauer, als würden sie am offenen Herzen operieren.
I n gewisser Hinsicht tun sie das auch. Denn gerade liegt die Fundschicht offen, in der sich die Skelette von tausenden Wesen verbergen, die vor 235 Millionen Jahren verendet sind. Schoch und seine Kollegen sind nervös, dass jemand sie hier finden und aus Unwissenheit oder Gier die mühevolle Kleinstarbeit der Wissenschaftler in wenigen Stunden kaputthacken könnte. „Es gibt internationale Fossilienhändler, die unglaublich viel Geld machen“, sagt Schoch. Ein Steinbruch in Nordwürttemberg. Genauer darf die Ortsangabe nicht sein.
Der 38-jährige Paläontologe aus Ludwigshafen am Rhein hat sich auf urtümliche Riesenamphibien spezialisiert. Davon findet er hier viele. Zur Keuper-Zeit bedeckte ein schlammiger See die heutige Ackerlandschaft, in dem sechs Meter lange Lurche mit drei Augen und zwei messerscharfen Zahnreihen Jagd auf andere Saurier und Fische machten. Tropenstürme peitschten durch die Schachtelhalme am brackigen Ufer, wo Urkrokodile auf Adlerkopfechsen und Panzerlurche lauerten.
„Wir tauchen in eine andere Welt ein“, sagt Schoch. Das klingt so einfach, ist es aber nicht. Jede Erkenntnis über diese Welt haben sie sich hart erarbeitet. Werkzeuge von der Brechstange bis zur Pinzette liegen verstreut zwischen Gesteinsbrocken und flachen Holzkisten. Auf einer alten Isomatte kniet Ulrike Jäger und legt mit Instrumenten aus einer Zahnklinik akribisch den Genickknochen eines Raubsauriers frei. Die 25-jährige Präparatorin aus Mutlangen tupft eine weiße Tinktur auf das bröckelige Fossil. Es riecht nach Lösungsmittel. „Das ist wie Geschenke auspacken. Ich bin die erste, die es sieht“, sagt Jäger.
Die Suche nach dem Unbekannten treibt auch Werner Kugler an. Der gelernte Heizungs- und Sanitärinstallateur aus Crailsheim verbringt seit mehr als 30 Jahren jede freie Minute im Steinbruch. „Das ist kein Hobby mehr, das ist eine Sucht“, schnauft der 66-Jährige und hievt schwere Felsstücke auf eine Schubkarre. Seit seiner Pensionierung verbraucht Kugler 48 Flaschen Sekundenkleber im Jahr, um die Bruchteile zusammenzufügen, die er täglich aus dem Boden kratzt. Vor ein paar Jahren entdeckte er eine neue Art, die nach ihm benannt wurde: Der Callistomordax kugleri ist ein Lurch mit kurzen Armen, einem langen Körper und ähnelt einem Aal.
W enn man den freundlichen Mann mit den muskulösen Waden fragt, ob er sich eher als Detektiv oder als Schatzsucher versteht, reagiert er aufgebracht. „Ich bin kein Schatzsucher! Ich bereichere mich ja nicht dran!“ Die Funde gehören ins Museum. Sie verkaufen? „Des gibt’s nädde!“ So einer habe hier nichts zu suchen.
Den Wissenschaftlern geht es nicht um den größten Fußabdruck eines Mastodonsaurus oder den breitesten Schädel eines Batrachotomus. Jedes Detail wird untersucht und behandelt wie ein wertvolles Puzzleteil. Versteinerter Kot, Spuren von Mageninhalten, winzige Reptilienzähnchen, Splitter vom Schultergürtelknochen eines Quas ten flossers – alle Funde werden mit handgeschriebenen Zetteln versehen und im Archiv des Stuttgarter Naturkundemuseums untergebracht.
D ieter Seegis ist im Team der Experte für die kleinen Dinge. Mit einer abgenutzten Lupe durchforstet er einen Schotterhügel, kneift ein Auge unter seiner Strohhutkrempe zusammen, sein grauer Schnauzer zittert leicht. „Ein Stück von einem Schmelzschuppenfisch“, erklärt er und zeigt auf einen glänzenden Fleck im Stein. Damals hatten die Fische Schuppen aus einem harten Material wie Zahnschmelz. Mit der Zeit aber wurden die Gebisse der Räuber immer stärker, und die Fische entwickelten leichtere Schuppen, um schneller flüchten zu können.
Die Forscher wissen erstaunlich viel über die Flora und Fauna der Ära vor 235 Millionen Jahren. Sie stehen aber immer noch vor unzähligen Rätseln. „Nur bei ganz wenigen Dingen können wir ein Ausrufezeichen dahinter machen, meistens sind es viele Fragezeichen“, sagt Schoch. Wie groß war der See? Wo sind die Süßwassermuscheln, und warum gab es in ihm keine großen Krebse? Warum lebten am Ufer scheinbar nur fleischfressende Saurier? War der Schlamm am Seeboden giftig oder spülte eine Strömung neuen Sauerstoff hinein? Wie wurden die Skelette in so viele Einzelteile zerlegt?
„Du hast den Zahn von einem Nothosaurus gefunden? In welcher Schicht? Grau oder braun . . . ?“ Schoch klingt alarmiert. Hat die Wasserechse etwa doch an Land gelebt? Ständig müssen die deutschen Paläontologen bereit sein, ihre mühsam zusammengeklaubten Theorien wieder über Bord zu werfen. Wie damals vor zwölf Jahren, als ein chinesischer Wissenschaftler auf einer Konferenz in New York erklärte, Tyrannosaurus Rex und seine nahen Verwandten hätten ein Federkleid getragen. „Das ist geplatzt wie eine Bombe“, erinnert sich Schoch. Räuberische Dinosaurier mit spitzen Zähnen und gefiederten Schwänzen, die von Baum zu Baum geglitten sind? „Jurassic Park ist längst veraltet!“
D em Team bleibt nicht viel Zeit, um die Rätsel des Sees zu lüften. In das Pfeifen des Windes mischt sich das Heulen der Warnsirene vor der nächsten Sprengung. Es rummst, die Erde vibriert. Bald will der Steinbruchbesitzer auch das Plateau abtragen, das er bisher aus Kulanz verschont hat. Seit Februar haben sich die Wissenschaftler darauf zwei Meter weit vorgearbeitet.
Zwei Wochen haben die Bagger davor gebraucht, um eine 20-mal so große Fläche zu vernichten und an den lukrativeren Muschelkalk zu gelangen. Machtlos sahen die Forscher dabei zu. Zwei Millionen Jahre Dreck und Abraum. „Das tut weh“, sagt Präparator Norbert Adorf.
Um dem Steinbruchmeister dafür zu danken, dass er sie überhaupt auf seinem Besitz duldet, haben sie eine Art nach ihm benannt. „Es gibt weltweit keine andere Fundstelle, die so reichhaltig ist in dieser Zeit“, sagt Schoch, und seine Augen glänzen. 13 Fischarten, acht Amphibienarten und 15 verschiedene Reptilien haben sie geborgen, manche davon haben nicht einmal einen Namen.
Im Keller des Naturkundemuseums stehen Metallschränke und Holzkisten in langen Regalen Spalier. 100 000 Stücke von Sauriern ruhen hier neben handschriftlichen Notizen auf kleinen Karteikarten.
A us den Schubladen riecht es nach alten Büchern. Die Lüftung rauscht wie der Wind ums Plateau im Steinbruch. Zwischen zwei Schränken lugt der Schädel eines gewaltigen T-Rex hervor, mit gelben Zähnen aus Gips. Ein Stockwerk höher treffen Urzeit und Neuzeit aufeinander. Besucher beäugen neugierig die Riesenlurche und Urkrokodile, die in gläsernen Vitrinen schweben. Meterlange Modelle, nachgebaut anhand von winzigen Fossiliensplittern. „Das sind Jungtiere“, sagt Schoch. „Größere konnten wir uns nicht erlauben, denn die Vitrinen sind so unglaublich teuer.“
Die Ehrfurcht vor den alten Giganten hat Schoch längst abgelegt, doch sein Wissensdurst scheint unersättlich. Als er am Mittag im Steinbruch seinen Putenspieß auf den Rost überm Lagerfeuer legt, sinniert er: „Wie ein Mastodonsaurus wohl geschmeckt hat?“