Nach der dramatischen Rückzugsankündigung des israelischen Ministerpräsidenten Ehud Olmert erscheint die Zukunft in Nahost noch ungewisser. Israel und die Palästinenser betonten gestern zwar, sie wollten sich weiter um eine Friedensregelung bis Jahresende bemühen. Doch die weitere Entwicklung in der Region hängt ganz davon ab, wer bei den partei-internen Kadima-Wahlen am 17. September zum neuen Vorsitzenden gekürt wird und ob er oder sie eine neue Regierung bilden können.

Bildung neuer Koalition
Der rechtsorientierte Oppositionsführer Benjamin Netanjahu, der bei möglichen Neuwahlen des Parlaments im nächsten Jahr als aussichtsreichster Kandidat gilt, scharrt bereits mit den Hufen. Außenministerin Zipi Liwni (50) und der 1948 geborene Transportminister Schaul Mofas sind die führenden Kandidaten von Kadima im Rennen um den Parteivorsitz und das Amt des Ministerpräsidenten. Sollte Liwni gewinnen, müsste sich die Leiterin des Verhandlungsteams bei den Gesprächen mit den Palästinensern binnen vier Wochen um die Bildung einer neuen Koalition bemühen, mit einer möglichen Verlängerung von zwei Wochen. Dies dürfte ihr nicht leicht fallen, Netanjahus Likud hat ein solches Bündnis bereits ausgeschlossen. Die strengreligiöse Schas-Partei, nach der Arbeitspartei zweitgrößter Koalitionspartner von Kadima, lehnt sie ab - wegen ihres Geschlechts sowie ihrer Weigerung, des Kindergeld zu erhöhen.
Sollte Mofas gewinnen, hätte er wohl bessere Chancen auf die Bildung einer Koalition mit den rechtsorientierten Parteien. Die Palästinenser dürfte ein Sieg des ehemaligen Verteidigungsministers, der als Rechtsaußen in seiner Partei gilt, dagegen überhaupt nicht glücklich machen.
Sollte der neue Parteivorsitzende bei seinen Bemühungen um eine Regierungsbildung scheitern, müssten binnen 90 Tagen Neuwahlen stattfinden. Auf diese Weise könnte Olmert noch bis Anfang Februar am Ruder bleiben und hätte noch ausreichend Zeit, wie versprochen eine Friedensvereinbarung mit den Palästinensern auszuhandeln. Seine Kritiker würden ihn aber vermutlich noch härter angreifen und seine Berechtigung, schicksalhafte Entscheidungen zu treffen, infrage stellen.

Erklärungen gesucht
Israelische Kommentatoren versuchten gestern, Erklärungen für Olmerts politisches Scheitern zu finden. "Der Libanonkrieg (im Sommer 2006) hat Olmerts Schicksal besiegelt", sagte Jossi Verter von "Haaretz". "Seitdem ist es ihm nicht mehr gelungen, sich aufzurichten - die Korruption hat den Prozess nur noch beschleunigt." Mit Olmert gehe nun der letzte führende Politiker Israels, dem von einer Untersuchungskommission schwere Fehler bei der Kriegsführung vorgeworfen worden waren. Erst jetzt sei der Krieg wirklich zu Ende.

Zum Thema ARD-Kameramann frei
 Die radikalislamische Hamas hat einen festgenommenen palästinensischen Kameramann der ARD nach fünf Tagen Haft und Folter wieder freigelassen. Der Bürochef der ARD in Israel, Richard C. Schneider, bestätigte gestern die Freilassung von Sawah Abu Saif, sagte jedoch, dem Mitarbeiter gehe es "sehr schlecht" , er liege im Krankenhaus. "Abu Saif wurde während seiner Haft gefoltert ", sagte Schneider.