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Mit neuem Selbstbewusstsein: Wir sind wieder ostdeutsch

Berlin. Adriana Lettrari kommt aus Rostock. Gern hat sie das früher nicht gesagt. Benjamin Lassiwe

"Du, weißt Du, eigentlich komme ich aus Rostock" - es war immer etwas verschämt, wenn Freunde davon sprachen, aus München oder Berlin zu kommen. "Ostdeutsch" zu sein war für die 33-Jährige oft ein Makel. Heute ist das anders. Gemeinsam mit Gleichaltrigen engagiert sich Adriana Lettrari im Netzwerk "3te Generation Ost": ein Verein von mittlerweile rund 2000 Menschen, die zwischen 1975 und 1985 in der DDR geboren wurden. "Wir wuchsen in zwei Systemen auf", sagt Lettrari. "Und wir wollen als Wendekinder darüber nachdenken, wie es uns mit dieser Sozialisation ergangen ist."

Dabei spielten auch die unmittelbaren Nachwendejahre eine Rolle. "Als die POS damals zum Gymnasium wurde, blieb die Lehrerin dieselbe." Die DDR habe wie ein "Schatten" über dem Aufwachsen in den 1990er-Jahren gelegen, erinnert sich die 28-jährige gebürtige Berlinerin Marie Landsberg.

"Eine Zeit der Anarchie", sagt Lettrari. Jugendliche hätten in dieser Zeit kaum Autoritäten erlebt. Lehrer seien keine Respektpersonen gewesen, Familien in die Brüche gegangen. "Wir erlebten freie Räume in einer wichtigen Zeit der Entwicklung." Doch in vielen Familien gäbe es bis heute nur wenig Bereitschaft, einmal darüber zu reden, wie diese Zeit der Wende im eigenen Umfeld abgelaufen sei.

Das wollen die Wendekinder ändern: Immerhin 33 Autoren aus den Reihen der "3ten Generation Ost" haben sich deswegen an einem Buchprojekt beteiligt. In dem im August im Berliner Ch. Links-Verlag erscheinenen Band erinnern sie sich an ihre Jugend, beschreiben ihre Erfahrungen mit ihrer Herkunft aus der ehemaligen DDR und entwickeln Initiativen für die Zukunft. Dazu unternahmen sie eine Bustour durch die neuen Länder, um den Dialog mit Gleichaltrigen auch in der Fläche zu suchen.

"Wir wollen auch die Dagebliebenen ansprechen, die nach der Wende nicht in den Westen gingen oder studierten, und sie auffordern, sich zu engagieren", sagt Marie Landsberg. Dabei engagierten sich in der Initiative auch Menschen aus Westdeutschland, die zum Beispiel in den ostdeutschen Bundesländern studiert und sich dort niedergelassen haben. "Gemeinsam wollen wir konstruktiv mit der ostdeutschen Geschichte umgehen." "Aber wir wollen keine anklagende Auseinandersetzung, wir wollen kein zweites 1968", betont Lettrari. Im November soll deswegen auch ein großes "Generationentreffen" im Collegium Hungaricum stattfinden, bei dem die Mitglieder der Initiative Ideen und Erfahrungen austauschen wollen.

"Die 3te Generation Ost ist eine selbstbewusste Generation, die sich engagieren will", sagt Staatssekretär Albrecht Gerber, der Vertreter der Initiative am Dienstag in der Brandenburger Staatskanzlei begrüßte. "Die jungen Leute sind neugierig auf ihre Herkunft und die Lebensleistungen ihrer Väter und Mütter, sie bringen Erfahrungen aus Ost und West sowie den Willen mit, die Zukunft in Ostdeutschland aktiv zu gestalten." Das sei nicht nur für die dritte, sondern auch für alle nachfolgenden Generationen wichtig. Mit Hilfe der "3ten Generation Ost" könne der Erfahrungsschatz der Menschen im Osten für ganz Deutschland nutzbar gemacht werden.