Vergangenen Dienstag in Vetschau. Die drei Männer, die gegen 17.40 Uhr das Geschäft in der Hellmann-Straße betreten, fallen nicht besonders auf. Zwei von ihnen interessieren sich für die Lederwaren, lassen sich von der Verkäuferin beraten. In dieser Zeit greift der Dritte in die Kasse, entwendet 270 Euro. Eine viertel Stunde später ereignet sich ein ähnlicher Diebstahl in einem Laden im nur wenige Kilometer entfernten Lübbenau. Dort kassieren die drei räuberischen Kunden, die deutsch mit Akzent sprechen, 500 Euro.

Grenzen überwinden

Meldungen wie diese elektrisieren Horst Paulick vom Polizeischutzbereich des Oberspreewald-Lausitz-Kreises. Seit gut eineinhalb Jahren leitet der Kripo-Mann eine Arbeitsgruppe "Bande". Vier Kriminalisten beschäftigen sich ganz gezielt mit der Bekämpfung von Tätergruppen, die überregional handeln und denen dadurch schwer auf die Schliche zu kommen ist. "Grenzen gibt es nur bei der Polizei, nicht bei den Tätern", sagt Paulick.

Mit seiner kleinen Mannschaft will er diese Grenzen überwinden. Deshalb interessieren sich die Kriminalisten in Senftenberg nicht nur für Straftaten in ihrem Schutzbereich, sondern auch für einschlägige Erkenntnisse der Kollegen in Cottbus und dem Spree-Neiße-Kreis, in der Elbe-Elster-Region, in Hoyerswerda und Niesky, in Königs Wusterhausen aber auch in den polnischen Grenzregionen. Es ist ein Pilotprojekt. Bis zur Polizeistrukturreform im Sommer 2002 war für Serienstraftaten ein extra Kommissariat des dann aufgelösten Polizeipräsidiums Cottbus zuständig. Danach versickerte die Strafverfolgung in der "Kleinstaaterei" der Schutzbereiche.

Über Monate haben die Männer um Horst Paulick Akten über Laden- oder Buntmetalldiebstahl, Autoeinbrüche, Dieselklau, Wohnungseinbrüche oder andere Delikte studiert. Inzwischen haben sie sich 140 Verfahren auf den Tisch gezogen.

Sie sind bei den Ermittlungen auf bemerkenswerte Erkenntnisse gestoßen. Fast jede Woche, so erzählt Paulick als Beispiel, reisen Tätergruppen aus Polen aber auch aus der Ukraine oder Litauen mit gezielten Vorgaben ihrer Auftraggeber an. Ihre Routen sind genau abgesteckt. Paulick zieht eine Straßenkarte aus einem Aktenstapel. Markierungen quer durch die Lausitz und die Elbe-Elster-Region sind darin enthalten.

Es sind allerdings nicht Ziele touristischer Sehenswürdigkeiten, sondern Supermärkte verschiedener Handelsketten. "Bevor die Ladendiebe kommen, sind diese von Spähtrupps ausgekundschaftet worden", weiß Kriminalist Paulick aus Vernehmungen. Gezielt werde dann gestohlen: In dem einen Verbrauchermarkt Lebensmittel, in dem anderen Schnaps, im dritten Kosmetika. "Das Gestohlene verschwindet sofort in präparierten Fahrzeugen und dann wird das nächste Ziel auf der Diebestour angefahren", so Paulick.

Die Langfinger selbst verdienen am wenigsten. Je nach Erfolg könnten sie 25 Euro je Tour behalten, hätten Täter berichtet, sagt Horst Paulick. Den Löwenanteil aus dem Verkauf auf Märkten in Polen, in Litauen, der Ukraine oder Weißrussland stecken die Hintermänner ein.

Diebe mit Arbeitsteilung

Gut organisiert wie der Ladendiebstahl ist offensichtlich auch die kriminelle Beschaffung von Baumaschinen, Diesel, Buntmetall oder Kfz-Zubehör. "Baustellen entlang der Autobahnen zwischen Berlin, Dresden und der polnischen Grenze in Forst werden besonders häufig heimgesucht", berichtet Polizeisprecher Peter Boenki vom Schutzbereich Oberspreewald-Lausitz, dem die Autobahnstreifen auf der A 13 und A 15 in diesem Abschnitten unterstehen. Die Arbeitsteilung sei perfekt, beurteilt Kriminalist Paulick das Vorgehen. Zunächst würden Maschinen und Werkzeuge fotografiert. Eine zweite Gruppe besorge das Gewünschte und verstecke es in den Wäldern. Tage später werde die Beute abgeholt und über die Grenze geschafft.

Erste Ermittlungserfolge haben sich bereits eingestellt. So wurden im Raum Vetschau im vergangenen Jahr 40 Einbrüche in Lauben aufgeklärt, die auf das Konto von zwei polnischen Tätern kommen. In der Gegend um Groß Lübbenau konnten einer Frau und zwei Männern nachgewiesen werden, dass sie 33 Wohnungen ausgeraubt hatten.

Immer begehrter werden Schrott und Buntmetall. Beim Vergleich der Anzeigen und Spuren durch die Arbeitsgruppe stellte sich heraus, dass im vergangenen Jahr auffällig oft Kleintransporter mit Berliner Kennzeichen und Schrottladungen in der Lausitz herumkurvten. Ermittlungen ergaben, dass eine deutsch-polnische Bande eine Scheinfirma in Berlin gegründet hatte, die auf Buntmetallklau spezialisiert war.

Mit Stahlschrott und Buntmetall lässt sich nämlich viel Geld verdienen. Im vergangenen Jahr wurde im Land Brandenburg durch Diebstahl ein Schaden von 2,7 Millionen Euro registriert. Im Jahre 2002 lag die Zahl der Straftaten noch knapp unter 100. Im Jahr 2005 schnellte sie hoch auf 810. Nur in einem Drittel der Fälle konnten Täter ermittelt werden. Das liegt deutlich unter der durchschnittlichen Aufklärungsquote von knapp 60 Prozent im Landesmaßstab. Von den 460 Tatverdächtigen waren mehr als 400 Deutsche und Polen.

Um tiefer in die Strukturen von überregional operierenden Tätergruppen einzudringen, wälzt Horst Paulick aber nicht nur Berge von Akten, vergleicht Spuren und Aussagen. Er studiert auch Lehrbücher und lernt polnisch. "Auch Sprachschwierigkeiten sind eine Grenze, die wir überwinden müssen, um international agierenden Tätergruppen auf die Schliche zu kommen."