Der Wechsel an der Machtspitze in Nordkorea kommt schneller als erwartet. Nach dem Tod des langjährigen Diktators Kim Jong Il stellten die Staatsmedien dessen dritten Sohn Kim Jong Un als den "großen Nachfolger" vor.

Kim junior, der noch unter 30 sein soll, galt schon seit Langem als Favorit seines Vaters für die Nachfolge als starker Mann in dem abgeschotteten Land. Eine offizielle Ernennung Kims steht zwar noch aus. Doch ist jetzt schon nach Ansicht vieler Beobachter klar, dass das Regime alles daran setzen wird, die Situation möglichst rasch stabilisieren und die Machtnachfolge in dritter Generation fortsetzen zu wollen.

"Es gibt keine Alternative zu Kim Jong Un", sagt ein Experte in Seoul. Die Nachricht vom Tod Kim Jong Ils kam plötzlich, aber nicht unerwartet. Nach offiziellen Angaben starb er am Samstagmorgen im Alter von 69 Jahren während einer Zugreise an den Folgen eines Herzinfarktes.

Er soll "mental und körperlich" überarbeitet gewesen sein. Das passt zum Bild, das das Regime von Kim zu dessen Lebzeiten zu verbreiten bemüht war. Laut Propaganda starb Kim, während er zum Wohl des Volke unterwegs war. Kim galt zwar schon lange Zeit als gesundheitlich angeschlagen, doch machte er in den vergangenen Monaten auf Bildern wieder einen relativ rüstigen Eindruck. Unermüdlich berichteten die Staatsmedien über Kims Inspektionsreisen durch das Land. Dabei wurde er vom jüngsten Spross Kim Jong Un regelmäßig begleitet.

Mehr als 48 Stunden ließ die Führung das eigene Volk und die Welt im Dunkeln über das Ableben des Diktators. "Allein die Tatsache, dass man die Todesmeldung erst nach zwei Tagen zu veröffentlichen wagte, zeigt, wie unsicher die Lage in Nordkorea ist", sagt Schwedens Außenminister Carl Bildt. Er warnte vor erheblicher politischer Unsicherheit auf der koreanischen Halbinsel.

Die Machtübertragung auf den Sohn trieb Kim seit seinem vermuteten Schlaganfall im Sommer 2008 voran. Doch gilt die Vorbereitung auf die Nachfolge als größte Herausforderung für einen autoritären Staat wie Nordkorea.

Im Umfeld des Landes, besonders in Südkorea, Japan und China, teilt man die große Sorge vor Instabilität. In den düstersten Szenarien werden interne Machtkämpfe und bürgerkriegsähnliche Zustände im Falle eines Zusammenbruchs nicht ausgeschlossen. Besonders große Sorgen bereitet auch das vermutete Atomwaffenarsenal des kommunistischen Landes. Einmal unbewacht, könnte es unter anderem auch leicht zur Beute von Atomschmugglern werden.

Kim, der sein Land 17 Jahre lang mit eiserner Faust regierte, baute das Atomwaffen- und Raketenprogramm des Landes trotz internationaler Sanktionen und einer heruntergekommenen Wirtschaft aus. Die Programme werden in der Region als großes Sicherheitsrisiko gesehen. Beobachter glauben jedoch, dass es - jedenfalls nicht in absehbarer Zukunft - zum schlimmsten Fall kommen wird. Kim Jong Un habe sich den Respekt der Elite verschafft, sagt der Politologe Paik Hak Soon vom privaten Sejong-Forschungsinstitut bei Seoul. "Er hat seine Machtbasis in den vergangenen Monaten konsolidieren können." Sobald sich seine Führung stabilisiert habe, werde er der Politik seinen eigenen Stempel aufdrücken können.

Es werde nach dem Tod Kim Jong Ils kein Machtvakuum geben, glaubt auch der Projektleiter der Friedrich-Naumann-Stiftung in Seoul, Walter Klitz. Ein weiterer Grund dafür: "Nordkorea bereitet sich bereits seit drei Jahren auf die Machtnachfolge vor." Allerdings hätte sich Pjöngjang gewünscht, mehr Zeit für den Transfer zu haben. Klitz schloss auch neue Provokationen gegen das Nachbarland Südkorea durch Nordkorea nicht aus - "um zu zeigen, wer Herr im Haus ist".

Wie als Beweis ließ Nordkorea prompt zwei Raketen zu Testzwecken steigen. Die Hoffnung der anderen Länder bleibt vor allem, dass sich Nordkorea mit einem neuen Machthaber zu Reformen und zur Öffnung bewegen lasse. Das wäre ein Weg, den Kim Jong Il verbaut hatte.

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Zum ThemaNach dem Tod des nordkoreanische Machthabers Kim Jong Il werden auch im Bundestag Forderungen nach einem Neuanfang laut. Der Vorsitzende der Deutsch-Koreanischen Parlamentariergruppe, Stefan Müller (CSU), warb am Montag für politische Reformen in dem kommunistischen Land. "Die Chance, sich dem Ausland weiter zu öffnen und die internationale Isolation aufzubrechen, darf nicht verstreichen." Für Stabilität und Frieden auf der koreanischen Halbinsel müsse Nordkorea vor allem seiner nuklearen Entwaffnung zustimmen. Hartmut Koschyk (CSU), Vorsitzender des deutsch-koreanischen Forums und parlamentarischer Staatssekretär im Finanzministerium, sieht in Nordkorea erste Anzeichen für einen Wandel. Koschyk sagte der RUNDSCHAU: "Ich glaube, auch die Uhr der Diktatur in Nordkorea läuft ab." Der verstorbene Diktator habe bereits zu Lebzeiten viel Respekt verloren. Sein Sohn Kim Jong Un werde nicht in der Lage sein, diese Autorität zurückzugewinnen. dpa/sm