„Die Kohle können wir uns derzeit einfach nicht wegwünschen.“
 Frank-Walter Steinmeier (SPD), Außenminister


Die Feuerwehrleute waren, ebenso wie die Zwerge der „Kindertagesstätte Lichterfeld“ , extra zur Besucherplattform der Förderbrücke F60 geladen worden, um dem hohen Besuch wenigstens einen leisen Anschein von Normalität zu geben: Steinmeier ist wegen seines brisanten Außenamtes von einem knappen Dutzend Sicherheitsleuten eng abgeschirmt, zudem belagert ein 50-köpfiger Tross aus Mitarbeitern, Hauptstadt-Journalisten und SPD-Abgeordneten den Vizekanzler auf seiner Fahrt durch Brandenburg fast rund um die Uhr. Nicht, weil plötzlich Kamerateams von Nachrichtensendern und ZDF die Lausitz so spannend fänden – es ist Steinmeier, der neben der besorgniserregenden Kaukasus-Krise zudem die Last der K-Frage auf seinen Schultern trägt ( „In spätestens zehn Tagen wird er den Beck als Kandidaten ablösen“ , wissen Berlin-Kenner schon jetzt ganz sicher).
So war es denn auch für alle Polit-Spekulanten eine Steilvorlage, als der SPD-Mann bei seinem Gang über die Förderbrücke – „nahezu schwindelfrei“ den „Kanzlerblick“ erreichte: Jenen Aussichtspunkt, an dem Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) seinerzeit seinen Rundgang abbrechen musste, weil weitere Wege für die Öffentlichkeit noch unzugänglich waren. Steinmeier, immerhin, hatte nun also den Kanzlerblick, und darüber hinaus 40 weitere Höhenmeter.
„Trotzdem,“ sagt viel weiter unten der Besucherführer und Genosse Reiner Dißler, „trotzdem wäre der Matthias ja auch nicht schlecht gewesen. Einer von uns, von hier.“ Denn obwohl Steinmeier seinen Wahlkreis und Wohnsitz in Brandenburg hat, „einer von hier“ ist er für Dißler und seine Freunde dadurch noch lange nicht. Aber immerhin: „Geradeaus, unkompliziert, ein prima Kerl“ , sagen sie über den mächtigen Parteimann. Zum Anfassen sei er und habe trotzdem was Staatsmännisches.
Und „mit dem Matthias“ , dem Platzeck, versteht er sich noch immer sichtlich gut. Begrüßungskuss von Ministerpräsident zu Außenminister, hier und da eine Umarmung und viel Geherze. „Vor ein paar Wochen“ , erinnert sich Besucherführer Olaf Umbreit, „stand der Platzeck sogar mal sonntags inkognito hier und wollte einen Rundgang mitmachen.“ Ganz ordentlich bezahlt habe er und sich dann einer Seniorengruppe angeschlossen. „Vielleicht wollte er mal gucken, was er dem Steinmeier so zeigen kann.“
Der war sichtlich beeindruckt von dem, was rund um die F60, die ehemaligen Tagebaue und die IBA-Terrassen in Großräschen (Oberspreewald-Lausitz/OSL) und den in Flutung befindlichen Ilse-See in den vergangenen Jahren geschaffen wurde. „Man sieht, was vergangen ist“ , sagte er. „Man sieht aber auch, was neu entsteht. Tourismus ist sicher der richtige Weg für die Lausitz, da bin ich fest von überzeugt“ , erklärte er – und ließ sich von IBA-Chef Prof. Rolf Kuhn sichtlich vergnügt die Zechenlieder der Kult-Musikers Gundermann vorspielen und nahm einen tiefen Zug vom „Duft der DDR“ , dem in den Besucherterrassen der IBA nachzuspüren ist.
Immer wieder aber unterbrach Steinmeier kurz seine Besucher-Routine, zog sich zu eiligen Telefonaten zurück, weil, wie er sagte, „die Welt nähergerückt ist und man in einer Situation wie dieser nicht einfach zur Tagesordnung übergehen kann“ . Gemeint ist natürlich die Krise am Kaukasus, bei der es nach seiner Einschätzung wohl Jahre brauchen wird, bis politische Lösungen gefunden sind.
Seit drei Jahren steht der Westfale dem Außenamt vor, seit einem Jahr ist er Vizekanzler, vor einem Jahr auch meldet er sich erstmals für einen Brandenburger Wahlkreis an. Damals mit viel Skepsis beäugt, schlägt ihm jetzt deutlich mehr Wärme entgegen – eine Wärme, die er durchaus zurückgeben kann und genießt im Umgang auch mit fremden Menschen. Er plauderte herzlich mit dem Investor Gerold Schellstede, der neben seinem Großräschener Möbelhaus auch ein Seehotel betreibt – und nach eigenem Bekunden mit besserem Erfolg, als er selbst gedacht hätte. Die Geschichte von Hotel, IBA und Seenland ließ sich der Neu-Brandenburger Steinmeier dann vom Großräschener Bürgermeister Thomas Zenker (SPD) erzählen. Und auch die guten Geister hinter den Kulissen der Besuchstour wurden nie vergessen: Wo immer Kaffee oder Grillwürstchen gereicht wurden – Steinmeier bedankte sich artig bei Köchen und Kellnern.
Genauso artig, das wurde wenig später deutlich, verteidigt er dann aber auch unbequeme Positionen. Am Nachmittag nämlich besuchte er die „Vestas Blades Deutschland GmbH“ in Lauchhammer. Mit großem Interesse hörte er sich die Erfolgsgeschichte des Werkes an, stellte dem Chef Frank Weise kluge Fragen und sagte dann auf RUNDSCHAU-Nachfrage: „Die Kohle können wir uns derzeit einfach nicht wegwünschen.“ Die Vestas-Leute, energische Verfechter erneuerbarer Energien, lächelten bei diesen Worten tapfer weiter, auch wenn Steinmeier ausführte: „Ich halte am Atomkonsens fest – und dann können wir uns als größtes Industrieland Europas nicht einfach von der Kohle verabschieden.“
Immerhin will auch Steinmeier einen Ausbau erneuerbarer Energien, lobte entsprechendes Gesetzeswerk im Bund und lobte Vestas für die Export-Erfolge. Da der dänische Konzern (400 Mitarbeiter in Lauchhammer, OSL) derzeit Börsenwerte aufweist wie BMW, sind die Glückwünsche angebracht. Derartige Kursgewinne würde auch die SPD sich derzeit wünschen – zumindest für den Kommunalwahlkampf wollte der Mann aus Berlin gestern noch ein paar Prozentpunkte holen – er gesellte sich zum Grillfest seiner Partei in Spremberg (Spree-Neiße).