Sicherheitsforschung hat seitdem Hochkonjunktur. In Karlsruhe diskutieren 270 Wissenschaftler, Politiker und Militärs auf der internationalen Tagung "Future Security", die heute beendet wird, mit welchen Mitteln künftig Terroranschläge aller Art verhindert oder eingedämmt werden können. Die Ansätze sind kühn: Selbst durch Hauswände hindurch sollen Bomben bald ortbar sein.
Gemessen an der finanziellen Unterstützung schießen die Sicherheitsforscher auf der Skala öffentlicher Bedeutung derzeit kometengleich nach oben. 1,7 Milliarden Euro an Fördergeldern hat die EU für die Forschung und Entwicklung von Sicherheitstechnologie in den kommenden sieben Jahren ausgelobt. Und weitere 123 Millionen schüttet das Bundesforschungsministerium in Berlin nun für vier Jahre aus. Nach langen mageren Jahren schwimmen die Wissenschaftler auf einmal im Geld und beantragen Forschungsprojekte wie nie zuvor. "Unsere Wahrnehmung hat einen Wandel erfahren", freut sich der Informationstechnologie-Experte Jürgen Beyerer vom Fraunhofer-Institut, das den Kongress ausrichtet.

Sicherheit auf allen Ebenen
Der Wandel reicht über Grenzen hinweg. Dem parlamentarischen Verteidigungsstaatssekretär Christian Schmidt (CSU) zufolge ist die in Deutschland bislang viel beschworene Trennung zwischen äußerer und innerer Sicherheit auf Ministerialebene "längst nicht mehr da". Die Trennung sei einer neuen Zusammenarbeit von Innen-, Verteidigungs- und Forschungsministerium gewichen. Das ist "eine kleine Revolution, die in der Administration stattfinden musste", freut sich Schmidt über die neue "mentale Vernetzung".
Die Profiteure dieser "Revolution" sind die Wissenschaftler. Die Hightech-Projekte, mit denen sie auf Attentäter aus der ideologischen Steinzeit reagieren oder andere Bedrohungen abwehren wollen, klingen zwar nach Science-Fiction. Einige sind allerdings schon Realität oder stehen in absehbarer Zeit vor dem Durchbruch.

Achillesferse Vernetzung
"In drei bis fünf Jahren können wir einen Selbstmordattentäter mit Sprengstoffgürtel in einer Menschenmenge orten", sagt Hans-Jörg Bullinger, Präsident der Fraunhofer-Gesellschaft. Strahlen im Terahertz-Bereich machen das dann möglich. Diese Wellen mit Frequenzen zwischen Röntgen- und Infrarotstrahlung durchdringen Kleidung, Plastik und selbst Mauerwerk, sind dabei aber für Menschen ungefährlich. Diese Strahlen sollen zunächst auf eine Distanz von 30 bis 40 Metern versteckte Sprengstoffe und andere Chemikalien erfassen und Alarm schlagen. Eine Potenz kleiner, im Gigawellen-Bereich, können bereits Waffen aus Keramik, wie etwa Messer, geortet werden.
Aber auch im Bereich nichttödlicher Waffen für den Einsatz bei Polizei und Militär hat die Fraunhofer-Gesellschaft einiges zu bieten. Dazu zählt ein Generator, der extrem starke Infraschall-Impulse erzeugt. Der Schalldruck liegt mit 140 Dezibel bei dem eines Düsenflugzeugs und verursacht dem Institut zufolge etwa bei einer "Horde von Aufständischen" Übelkeit und unterdrückt die Kommunikation mit den Anführern. Aber nicht genug: Dem Luftwirbel, der zugleich aus der Waffe bis zu 60 Meter weit schießt, könnten überdies "irritierende" oder andere Chemikalien beigemischt werden.
Glaubt man den Wissenschaftlern, haben Terroristen die eigentliche Schwachstelle der westlichen Welt aber noch nicht entdeckt. Beyerer zufolge ist die Informationstechnologie "die Achillesferse der vernetzten Gesellschaft". Das gilt nicht nur für das Internet. Ein Anschlag etwa auf das Kommunikationssystem der Banken würde die gesamte Gesellschaft lahmlegen, weil die Zahlungsströme zwischen Staat, Unternehmen und privaten Haushalten unterbrochen wären und dies zu "unberechenbaren Kettenreaktionen" führen könnte, warnt Günter Jost von der Bundesbank.