Wurden Warnungen und Einwände damals in den Wind geschlagen? Wurden alternative Standorte bewusst verworfen? Diese Fragen sind hochaktuell, denn die heutige schwarz-gelbe Bundesregierung will die seit dem Jahr 2000 gestoppte Erkundung des Salzstocks wieder fortsetzen. Im vergangenen Wahlkampf tauchten Dokumente auf, die eine Einflussnahme der CDU/FDP Regierung von Helmut Kohl (CDU) auf die Gorleben-Entscheidung von 1983 zu belegen scheinen. Darunter ein Fernschreiben des Bonner Forschungsministeriums an die Physikalisch Technische Bundesanstalt mit der Bitte, zentrale Einschränkungen in ihrem Gutachten zu ändern. Nämlich, die Empfehlung, auch alternative Standorte zu prüfen, und den Hinweis, dass eine Unbedenklichkeit zunächst nur für schwach strahlende Abfälle erklärt werden könne. Tatsächlich verschwanden beide Punkte aus dem Abschlussgutachten."Gorleben ist politisch tot"Das Kanzleramt erklärte flugs, die Behauptungen einer Einflussnahme seien "unredlich". Der damalige Umweltminister Sigmar Gabriel (SPD) bestätigte jedoch die Echtheit der Dokumente und meinte gemeinerweise noch, wahrscheinlich seien sie aus dem Kanzleramt durchgesickert. Gabriel führte im Sommer des vergangenen Jahres einen eigenen Wahlkampf gegen Union und FDP wegen deren Absicht, die Laufzeiten der Atomkraftwerke zu verlängern. "Gorleben ist politisch tot" erklärte er. Und er setzt diese Kampagne auch jetzt als SPD-Chef fort. Am Wochenende nimmt er an einer Menschenkette gegen die Atomenergie in Elmshorn teil. Das Endlager ist die Achillesferse des schwarz-gelben Atomkurses, denn die Zwischenlager quellen über. Deshalb dürfte die Untersuchung sehr verbissen geführt werden. Es sind Tausende von Akten zu sichten und viele Zeugen anzuhören, die zum Teil schon sehr betagt sind. Helmut Kohl selbst will die Opposition aus Rücksichtnahme auf seine Gesundheit zwar nicht aufrufen, wohl aber die früheren CDU-Forschungs- und Umweltminister, darunter neben Klaus Töpfer auch Angela Merkel (beide CDU). Für den Unions-Obmann im Untersuchungsausschuss, Reinhard Grindel, ist das weit überzogen. Die damalige Korrespondenz zwischen der Regierung und den Gutachtern sei schon mehrfach erklärt worden, nichts sei neu. "Die Opposition will nur skandalisieren." Das Kabinett Kohl habe alternative Untersuchungen seinerzeit nicht für notwendig erachtet, weil es woanders keine günstigeren Bedingungen erwartete als in Gorleben, zitiert Grindel aus dem 27 Jahre alten Beschluss. Außerdem habe sogar Rot-Grün im Jahr 2000 die "Eignungshöffigkeit" von Gorleben bestätigt.Noch offene Fragen Stimmt, sagt Grindels Kontrahentin, Ute Vogt von der SPD, doch stehe eine Seite weiter im Atom-ausstiegsvertrag, dass es noch offene Fragestellungen gebe. Unter anderem, ob Salz- oder Tonschichten besser geeignet seien. Letztere gibt es auch in Baden-Württemberg, Vogts Heimat. Bei einer neuen, bundesweiten Standortsuche wie SPD, Grüne und Linke sie wollen, käme der Konflikt um die Endlagerung unweigerlich in andere Länder. Das will die Union verhindern und nur in Gorleben den Untergrund weiter erkunden, allerdings "ergebnisoffen", wie man betont. Vogt aber bleibt dabei: "Gorleben war eine politisch willkürliche Entscheidung, bei der wissenschaftliche Einwände unterdrückt wurden." Wenn es nach der Opposition geht, wird die Beweisführung für diese These sehr lange dauern. Bis in den nächsten Bundestagswahlkampf hinein.