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"Mit der Zeit wurden die Ohnmachtsanfälle zur Routine"

Chefarzt Frank Schwertfeger überprüft den Herzschrittmacher von Maria Schrock. Dank ihm fällt die 27-Jährige nicht mehr in Ohnmacht.
Chefarzt Frank Schwertfeger überprüft den Herzschrittmacher von Maria Schrock. Dank ihm fällt die 27-Jährige nicht mehr in Ohnmacht. FOTO: Zeidler/Klinikum
Lübben. Seit ihrer frühesten Kindheit fiel Maria Schrock regelmäßig in Ohnmacht. Bis das Rätsel um die Ursache gelöst werden konnte vergingen Jahre – doch dann musste es ganz schnell gehen. Michèle-Cathrin Zeidler

An ihren ersten Ohnmachtsanfall kann sich Maria Schrock aus Kaden gar nicht mehr erinnern. Bereits im Alter von nicht einmal einem Jahr verlor sie laut ihrer Mutter zum ersten Mal urplötzlich das Bewusstsein und stieß sich dabei den Kopf. Es sollten noch viele Gehirnerschütterungen, Beulen und Blutergüsse folgen. "Bereits im Kindesalter fiel ich öfter in Ohnmacht, und als Teenagerin waren es bis zu drei Anfälle im Jahr", erinnert sich die Maria Schrock. "Die Ohnmacht kam immer sehr plötzlich und danach war alles wieder gut." Typische Vorboten wie Schwitzen, Schwindel, Übelkeit, Blässe oder Herzrasen verspürte sie nie. "Es wurden viele Untersuchungen gemacht - doch immer ohne Erfolg", erzählt die heute 27-Jährige. "Mit der Zeit wurden die Ohnmachtsanfälle zur Routine."

Im Juli 2006 kam Maria Schrock im Alter von 17 Jahren mit ihrer Mutter schließlich ins Klinikum Dahme-Spreewald in Lübben. "Für uns Ärzte stellt eine unklare Ohnmacht eine diagnostische Herausforderung dar", erklärt Dipl.-Med. Frank Schwertfeger, Facharzt für Innere Medizin, Angiologe und Kardiologe. "Die Ursachen können vielfältig sein, und oft sind nach der plötzlichen Ohnmacht das EKG und die Blutwerte in Ordnung."

Info zum Arzt:
Dipl.-Med. Frank Schwertfeger Der Facharzt für Innere Medizin, Angiologe, Kardiologe mit Spezialisierungen in der Kardiologie, Angiologie und Pulmologie studierte zunächst Medizin an der Humboldt Universität zu Berlin (Charité). Nach seiner Approbation 1989 absolvierte er seine Zeit als Assistenzarzt in der Allgemeinmedizin von 1989 bis 1991 in der Poliklinik Vetschau. Anschließend folgte seine Assistenzarztzeit für die Innere Medizin bis 1997 in der Spreewaldklinik Lübben. Bereits zwei Jahre später wurde er Stationsoberarzt in der Inneren Medizin, und seit 2010 ist Schwertfeger dort als Chefarzt tätig. Kontakt: Dipl.-Med. Frank Schwertfeger Telefonnummer: 03546 75641

Auch bei Maria Schrock zeigten mehrfache Langzeit-EKG-Untersuchungen, ein EEG, ein MRT des Kopfes sowie eine Duplexsonografie und eine Dopplersonografie der Halsgefäße keine Auffälligkeiten. "Um weiterhin auszuschließen, dass die Ohnmacht doch vom Kreislauf kommt, haben wir mit Maria die Kipptischuntersuchung gemacht", sagt der Mediziner. Bei dieser Simulation des Aufstehens aus dem Liegen soll eine Ohnmacht, auch Synkope genannt, provoziert werden. "Aber Maria hat auch diese Untersuchung ohne Probleme gemeistert", erinnert sich der Facharzt. Damit war das Rätsel um die Ursache der plötzlichen Ohnmachtsanfälle weiterhin ungelöst. Und das schränkte die Kadenerin ziemlich ein, denn bis eine Epilepsie ausgeschlossen war, durfte sie keinen Führerschein machen und konnte bestimmte Berufe nicht erlernen.

"Also mussten wir herausfinden, ob eine Erkrankung im Herzen oder im Gehirn die Ursache für die Synkopen ist", so der Chefarzt.

Das Problem: Klassische Langzeit-EKGs zeichnen den Herzrhythmus über 24 oder 48 Stunden auf. Aber nicht immer tritt die Rhythmusstörung in diesem Zeitraum tatsächlich auf. "Besonders bei Maria vergingen teilweise Monate zwischen den Ereignissen", erklärt Frank Schwertfeger. Daher entschied sich der erfahrene Mediziner im August 2006 dafür, seiner jungen Patientin einen Ereignisrekorder zu implantieren.

"Der Stick wird unter der Haut in Herzhöhe implantiert und ist ein kleines mobiles EKG-Gerät. Es überwacht 24 Stunden täglich den Herzrhythmus und zeichnet Unregelmäßigkeiten auf", sagt der Facharzt. Das gespeicherte EKG gibt dann Aufschluss darüber, ob die Ohnmachtsanfälle eine kardiale Ursache haben.

Nur wenige Stunden nach dem Eingriff war Maria Schrock mit ihrer Mutter im Garten des Krankenhauses unterwegs. "Plötzlich fiel ich wieder in Ohnmacht", erinnert sich die 27-Jährige. "Aber ich war erleichtert, denn ich dachte: Nun wissen wir immerhin, woran es liegt." Im Behandlungszimmer dann die Ernüchterung. "Leider war der Ereignisrekorder noch nicht aktiviert gewesen und hat daher auch nichts aufgezeichnet", erklärte ihr der Chefarzt damals mit Bedauern.

Also blieb die Ursache weiter im Verborgenen. Drei Jahre lang passierte anschließend nichts. Maria Schrock hatte keine Ohnmachtsanfälle mehr. Erst im August 2009 erlitt sie eine erneute Synkope und zog sich dabei ein schweres Schädelhirntrauma zu. Auch dieses Mal hatte die gelernte Verkäuferin die Hoffnung, bald endlich die Ursache ihrer Anfälle zu kennen.

Gesundheits ABC:
R - Das Restless Legs Syndrom macht sich, wie der Name schon andeutet, durch eine quälende Unruhe, ein Kribbeln oder Ziehen in den Beinen bemerkbar. Seltener sind auch die Arme betroffen. Die unangenehmen Empfindungen treten fast ausschließlich in Ruhe, insbesondere abends sowie in der Nacht auf und rauben den Erkrankten nicht selten den Schlaf. In schweren Fällen sind die Betroffenen tagsüber so müde, dass sie sich kaum noch konzentrieren können. Das beeinträchtigt ihr Alltagsleben stark. Die genauen Ursachen des Restless Legs Syndroms sind nicht geklärt. Wahrscheinlich handelt es sich um eine Störung des Dopamin-Stoffwechsels im Nervensystem.

Aber dann musste ihr der Chefarzt zähneknirschend gestehen, dass das Ereignis nichts auslesbar war, da die Batteriespannung zu gering gewesen war. "Alle vorherigen Kontrollen des Geräts waren unauffällig und in der Regel halten die Batterien auch länger als angegeben", erklärt der Mediziner. Damit der Akku bis zum nächsten Ereignis auch wirklich hält, wurde ihr ein neuer Ereignisrekorder mit längerer Akkulaufzeit implantiert.

Nach diesen Vorfällen entschied sich Maria Schrock für eine Zweitmeinung und wurde neurologisch und kardiologisch in den universitären Häusern der Charitè in Berlin untersucht, aber auch hier fanden die Ärzte keinen Befund.

Ihr Körper verhielt sich wieder ruhig und erst im Januar 2011 fiel sie erneut in Ohnmacht. Zwar ging dieses Mal nichts schief - aber das Ergebnis erforderte ein schnelles Handeln. "Ganze 29 Sekunden hat das Herz von Maria aufgehört zu schlagen", sagt Frank Schwertfeger. "Das ist sehr gefährlich und wir haben noch am selben Tag einen Herzschrittmacher eingesetzt." Seither ist Maria Schrock beschwerdefrei. "Ein paar Mal im Jahr merke ich, wie der Schrittmacher mir einen Schlag versetzt, aber in Ohnmacht falle ich nun nicht mehr", erzählt sie.

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