Volkslieder und Glockenläuten wehen aus der Tagebaugrube Meuro herauf auf die IBA-Terassen in Großräschen (Oberspreewald-Lausitz). Normalerweise blicken Ausflügler von hier aus auf ein karges Wüstental. Bis 2015 wird das Tal geflutet. Noch ist der Ilse-See fast ein Ilse-Teich. Früher haben hier Menschen gewohnt, in malerischen Dörfern mit Kirchtürmen. Vielleicht sind es ihre Gespenster, die da unten singen und Glocken läuten.

Bei der Generalprobe der „See-Symphonie“, die am Samstag gegen 15.30 Uhr das Finale der Internationalen Bauausstellung (IBA) Fürst-Pückler-Land eröffnet, bleiben die Ausflügler verwundert stehen und schauen: Menschengruppen wandern als fröhliche Chöre über den künftigen Seegrund, wie Wellen wogen sie unter blauen Schirmen hin und her, um schließlich in einem Zelt zu verschwinden. Ihre Lieder vereinen sich unter dessen Dach zu einem großen Kanon.

Dort im Zelt werden am Samstag auch die Grußworte zum IBA-Finale gesprochen: Es grüßen IBA-Geschäftsführer Rolf Kuhn, Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) und die britische Bergbaufolgelandschafts-Expertin Caroline Digby. Im Nach ein ander mit Aufführungen Lausitzer Heimatchöre und einer Politiker-Fragerunde soll die Eröffnungsfeier zu einer Symphonie ungewöhnlicher Art verschmelzen. Ihr Dirigent ist der Lausitzer Peter Apelt.

Die „See-Symphonie“ ist die erste Inzenierung von „Paradies 2“, einem siebenteiligen Kunstgroßprojekt unter Leitung des Schweizer Regisseurs und Coachs Jürg Montalta. Die IBA kündigt es als das „Herz“ ihres zehnten und letzten Jahres an. Ziel Montaltas ist es, die Umbrüche in der Lausitz in den vergangenen etwa 100 Jahren darzustellen: von der bäuerlichen Ruhe über eine gigantische Tagebau- und Industriewelt zur künstlichen Seenlandschaft der Zukunft. Der Prozess war und ist bekanntermaßen verbunden mit heftigen politischen, wirtschaftlichen und sozialen Umwälzungen, Ängsten und Hoffnungen. Der Name „Paradies 2“ verweist auf die Sehnsucht nach dem Wiedergewinn von Heimat. Das Besondere und Gemeinsame der sieben Inszenierungen ist: Sie alle machen die Landschaft zum Bühnenbild, sie alle wurden mit einer Vielzahl von Mitwirkenden aus der Bevölkerung entwickelt.

Unter dem Titel „Was ist Energie?“ führen ab dem 1. Mai „Szenische Reisen“ nach Welzow (Spree-Neiße) zum größten aktiven Tagebau Europas.

Am 8. Mai, genau 65 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs, schlägt „Das Herz von Guben und Gubin“. In der Ruine der Stadt- und Hauptkirche der deutsch-polnischen Grenzstadt wird ein 24-stündiges Orgelkonzert gespielt. Schon seit September 2008 ist Jürg Montalta mit Einwohnern beider Stadthälften über deren schwierige Vergangenheit im Gespräch. Ihre Erzählungen sind die Inspiration für die Musik deutscher und polnischer Organisten.

Ab dem 28. Mai ertönt „Das Geheimnis von Schlabendorf“ als „Zeitgenössische Dorfmusik in fünf Sätzen“. Schauplatz ist der 800 Jahre alte Ort bei Luckau (Dahme-Spreewald), den die friedliche Revolution von 1989 vor dem Bagger rettete.

In der einstigen Cottbuser Industriearbeitersiedlung Sachsendorf-Madlow heißt es am 4. Juli „Ich öffne mein Fenster für dich“. Einwohner stellen ihre Tische auf die gesperrte Hauptstraße und essen gemeinsam ihre Lieblingsgerichte. Mit Sambamusik soll im sozialen Brennpunkt eine lebensfrohe „Skulptur aus Tausend Begegnungen“ entstehen.

Ab dem 7. August feiert der Steh-Greif-Kabarettist Thomas Kreimeyer im stillgelegten Kraftwerk Plessa (Elbe-Elster) mit dem Publikum ein „Zusammentreffen der besonderen Art“. Es handelt „Von der Energie des Humors“.

Die Schluss-Inszenierung von „Paradies 2“ führt am 18. September unter dem Titel „Auf zu neuen Ufern!“ an den Sedlitzer See bei Senftenberg (Oberspreewald-Lausitz). Mehr als 7000 Fahrradfahrer, Fanfarenspieler und Trommler werden eine „fast utopische Licht- und Klangskulptur“ rund um den See entstehen lassen. Sie erinnert an die abgebaggerten Dörfer Sorno und Rosendorf.