Und als es am vergangenen Donnerstag einen Anruf des Jugendamtes der zwischen Hamburg und Bremen gelegenen beschaulichen Kleinstadt gab, dachte Bockhop zunächst an eine Routineaufgabe.

"Die haben bei mir angerufen, dass da ein Jugendlicher im Zimmer sitzt, der aus einer Jugendeinrichtung entwichen und zur Ingewahrsamnahme ausgeschrieben sei", sagt Bockhop. "Sie haben mir gesagt, dass der Jugendliche zur Gewalttätigkeit neigt und ich lieber mit mehreren Beamten kommen soll."

Im Zimmer saß ein 15-jähriger Jugendlicher aus dem Saarland, der mit zwei Altersgenossen in der vergangenen Woche aus einem Heim der Haasenburg GmbH in Neuendorf (Dahme-Spreewald) entflohen war. Gemeinsam hatten sie das Auto eines Mitarbeiters geknackt, waren nach Hamburg gefahren, wo zwei der Jugendlichen herkamen.

"Wir waren ganz überrascht, dass da ein freundlicher junger Mann im Zimmer saß, der sehr kooperativ war", sagte Bockhop. "Das entsprach so gar nicht dem, was man uns zunächst geschildert hatte." Dennoch wurde der 15-Jährige in die "Haasenburg" zurückgebracht - mit einem Krankenwagen.

"Die Krankenpfleger haben Vollzugsrechte und können den Jugendlichen notfalls fixieren", erklärte Bockhop am Montag der RUNDSCHAU die ungewöhnliche Situation, die er so zum ersten Mal in seinem Berufsleben erlebte.

Heute allerdings plagen den Polizeibeamten aus Niedersachsen Gewissensbisse. Er wandte sich an den Anwalt des Jugendlichen, Rudolf von Bracken, der der RUNDSCHAU den Kontakt zu dem Polizeibeamten vermittelte.

"Wir hätten den Anwalt am Donnerstag anrufen sollen", bedauert der Beamte. "Wir haben von den Vorwürfen gegen die ,Haasenburg' keine Ahnung gehabt - wenn da auch nur etwas dran ist, muss man gegen diese Heime etwas unternehmen."

Zumindest das Brandenburger Bildungsministerium wollte nun mit dem weggelaufenen 15-Jährigen sowie den beiden 16-jährigen Ausreißern, die mittlerweile in einer Hamburger Einrichtung untergekommen sind, Kontakt aufnehmen, um sich über die Vorwürfe der Jugendlichen aus erster Hand zu informieren.

Die Haasenburg GmbH dagegen wies auch am Montag alle Misshandlungsvorwürfe zurück - ebenso wie die Beschuldigungen eines früheren Mitarbeiters, der gegenüber dem rbb-Nachrichtenmagazin "Brandenburg aktuell" erklärte, während seiner Beschäftigung in den geschlossenen Heimen in Jessern und Müncheberg von 2008 bis 2010 "Isolation, Fixierungen und militärischem Drill" miterlebt zu haben.

Dabei sei man gegen Kinder und Jugendliche schon in Fällen trotzigen Verhaltens körperlich vorgegangen - und nicht erst bei Eigen- oder Fremdgefährdung. So sei bei Beleidigungen gegenüber Erziehern die sogenannte Handklemme angewandt worden, die mit Schürfwunden, Schmerzen und Tränen verbunden gewesen sei. Heute stufe er diese Maßnahmen als strafrechtlich relevant ein.