De r dünne Herr mit Brille schildert, wie er, kaum 17, zur Waffen-SS eingezogen wurde. Die resolute Dame in der Kittelschürze berichtet, wie jede Nacht ein russischer Soldat in ihr Bett kam. Die Menschen auf der Bühne sind ganz normale Dresdner, 62 bis 78 Jahre alt. Die Erinnerungen sind nicht ihre, sondern die von Hamburger Altenheimbewohnern, die die Autorin Dagrun Hintze vor knapp zehn Jahren über ihr Leben befragt hat. Aus den Schilderungen machte sie ein Theaterstück, das am Donnerstag an der „Bürgerbühne“, dem Laientheater des Staatsschauspiels, seine Uraufführung feierte.

Der Titel, „Die Zärtlichkeit der Russen“, spiegelt nach Hintzes Ansicht „die ganze Ambivalenz des Themas“ wider: Eine der alten Frauen habe ihr erzählt, wie sie über Jahre von Russen vergewaltigt wurde. Nach einiger Zeit seien sie eher zärtlich als grob gewesen. „Wegen des Titels gab es wahnsinnige Diskussionen mit den Darstellerinnen“, sagt die Autorin. Sie hätten ihn als Provokation empfunden. „Hier im Osten wurden die Russen wie eine Inkarnation des Bösen gesehen“, schildert die Hamburgerin. Die Angst vor den Russen, an die sich einige der Darsteller noch erinnern können, ist Teil der Inszenierung geworden. Die Regisseurin Sandra Strunz hat die Biografien der Dresdner mit den Texten aus Hintzes Stück verwoben. So redet die Dame in der Kittelschürze, die eben noch von der Zärtlichkeit der Russen erzählt hatte, plötzlich von ihrer Angst als Schulkind in der Nachkriegszeit.

„Wir haben uns alle eingebracht, deshalb ist ein dichtes Geflecht aus Erinnerungen entstanden“, sagt Fritz Rösler. Der 76-Jährige hat schon bei früheren Projekten der Bürgerbühne mitgespielt, dieses Mal gibt er mit Stahlhelm auf dem Kopf den ehemaligen SS-Mann, der nie mitbekommen haben will, wie die SS „gewütet“ habe. Rösler erzählt, das Stück habe ihn besonders interessiert, weil er intensive Kindheitserinnerungen an den Krieg habe. „Das ist mir erst später klar geworden, aber mich verfolgen bis heute die Eindrücke.“ Eindrücke wie die Bomber, die über die Oberlausitz hinweg flogen, oder der Sarg, in dem sein Vater aus dem Krieg heimkehrte.

„Das Stück berührt mich“, sagt auch Christa Hasenkrüger, die auf der Bühne die manchmal lückenhaften Erinnerungen einer 1915 Geborenen wiedergibt. „Es erzählt hautnah das, was ich als Jugendliche in Dresden erlebt habe. Wir hatten alle Angst vor den Russen.“ Mit 78 Jahren steht sie zum ersten Mal in ihrem Leben auf einer Bühne, „um wieder am Leben teilzunehmen“, wie sie sagt.

Anders als bei professionellen Schauspielern gehe es nicht darum, eine fremde Identität zu entwickeln, sagt Regisseurin Strunz. „Die Darsteller bringen sich selbst mit. Das kann ganz bezaubernd sein.“ Dagrun Hintze, die Autorin, sagt, es sei schön, dass ihr Stück zuerst von einer Laiengruppe aufgeführt werde. „Es hat mir künstlerisch gut gefallen, dass hier Experten des Lebens auf der Bühne stehen“, sagt sie. Auch entspreche es dem Geist des Projektes.

Denn Hintzes eigentliches Thema waren nicht konkrete Kriegserfahrungen. „Der Fokus auf den Krieg ist eher nebenbei passiert, in dem Alter kommt man ohne diesen Referenzpunkt nicht aus“, sagt sie. Sie interessierte, was passiert, wenn jemand seine Lebensgeschichte erzählt: „Was können wir glauben? Was ist wahr? Geht man wie ein Schriftsteller vor, wenn man Erinnerungen eine Dramaturgie gibt?“ Oder rede man sich am Ende des Lebens ein, dass die traumatischen Erlebnisse vielleicht doch nicht so schlimm waren?