Die gute Laune Erdogans lag nicht am herzlichen Empfang durch Bush, der als mächtigster Mann der Welt im Weißen Haus vor laufenden Kameras seine persönliche Freundschaft zu dem aus kleinen Verhältnissen kommenden türkischen Ministerpräsidenten hervorhob. Erdogan lächelte, weil er von Bush erhalten hatte, was ihm in der derzeitigen Situation am Wichtigsten war: eine Zustimmung der US-Regierung zu begrenzten Militäraktionen der Türken gegen die PKK auf irakischem Boden.
Forderungen in fünf Bereichen habe er Bush im Zusammenhang mit der Bekämpfung der PKK im Nordirak vorgelegt, sagte Erdogan - und alle seien akzeptiert worden: die Verfolgung von PKK-Anführern, die "Auflösung" von PKK-Stützpunkten, die Unterbrechung des Nachschubs für die Rebellen, das Verbot PKK-naher Parteien und die Verbesserung des Geheimdienstaustauschs. Besonders von dem letzten Punkt versprechen sich die Türken einiges. Bisher habe es mitunter Monate gedauert, bis US-Geheimdiensterkenntnisse bei den Türken angekommen seien, berichtete Erdogan türkischen Fernsehberichten zufolge. "Jetzt geschieht das täglich."
Der türkische Regierungschef, der bei seinem Gespräch mit Bush unter anderem vom stellvertretenden türkischen Generalstabschef begleitet wurde, leitet daraus die Erwartung ab, dass mit US-Unterstützung schon bald gezielte türkische Angriffe auf Ziele im Nordirak möglich werden. Die neue Phase im Kampf gegen die PKK sei eine "Operationsphase". Ein solcher Militäreinsatz richte sich aber ausschließlich gegen die PKK, nicht gegen die nordirakische Zivilbevölkerung.
Äußerungen von US-Seite zeigen, dass die von Erdogan angedeuteten Angriffe nicht nur türkisches Wunschdenken sind. "Einige konkrete Dinge" seien von Bush und Er dogan besprochen worden, sagte ein hoher US-Regierungsvertreter, der ungenannt bleiben wollte. PKK-nahe Medien berichteten bereits von US- Spionageflugzeugen, die über dem Hauptquartier der Rebellen in den nordirakischen Kandil-Bergen kreisten.
Konkret könnte die Umsetzung der neuen Pläne so aussehen, dass Piloten türkischer Kampfjets in Südostanatolien ihre Zielkoordinaten aufgrund von US-Angaben eingeben. Da die Flugzeuge von ihren Stützpunkten im Südosten der Türkei nur wenige Minuten brauchen, bis sie über dem Nordirak sind, sind schnelle Reaktionen auf Informationen der USA denkbar.
Die Festnahme von PKK-Anführern sei ebenfalls möglich, berichtet die türkische Presse: Sollten Erkenntnisse über ein Treffen der PKK-Führung an einem bestimmten Ort vorliegen, werde das auch in "real time" den Türken mitgeteilt.
Zur besseren Koordination sollen die türkische, die irakische und die US-Armee durch einen von Bush und Erdogan beschlossenen Ausschuss in ständiger Verbindung bleiben. "Grünes Licht für eine Operation", titelte eine türkische Zeitung gestern. Das Wort "Operation" wird dabei als Gegenbegriff zur "Invasion" benutzt - ein türkischer Einmarsch mit mehreren Zehntausend Soldaten in den Nordirak ist zumindest vorerst nicht zu erwarten.