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| 01:21 Uhr

Mit „administrativer Kälte“ an der Vernichtung der Juden beteiligt

Lesestoff: Guido Westerwelle und „Das Amt“. Foto: AFP
Lesestoff: Guido Westerwelle und „Das Amt“. Foto: AFP FOTO: AFP
Berlin. Bei der offiziellen Übergabe einer seit Tagen diskutierten Historiker-Studie zur NS-Vergangenheit des Auswärtigen Amts hat sich Außenminister Guido Westerwelle (FDP) zur Beteiligung seines Ministeriums am Holocaust bekannt. Das Amt sei „aktiver Teil“ der verbrecherischen Politik des Dritten Reichs gewesen und habe sich „mit administrativer Kälte“ an der Vernichtung der Juden beteiligt, sagte Westerwelle am Donnerstag in Berlin.

Die Historiker-Kommission war 2005 von Westerwelles Amtsvorgänger Joschka Fischer (Grüne) eingesetzt worden, um die NS-Geschichte des Ministeriums und die Weiterbeschäftigung von früheren Nazis nach dessen Neugründung 1951 in der Bundesrepublik zu beleuchten. Das Auswärtige Amt hatte sich in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder als Ort des inneren Widerstands gegen die Nazis während des Dritten Reichs dargestellt. Historiker und Experten weisen allerdings schon seit Langem darauf hin, dass dessen Mitarbeiter vielfach an das Regime angepasst und auch aktiv in Vorbereitung und Ausführung von Krieg und Völkermord eingebunden waren.

Das Ergebnis der Historiker-Kommission, das in den vergangenen Tagen bekannt geworden war, bestätigt dies. Lob für die nun vorgelegte historische Untersuchung kam auch aus den Reihen der Opposition. In ihrer Deutlichkeit sei sie “ein Meilenstein kritischer, offizieller Geschichtsschreibung„, erklärte Jan Korte, Mitglied im Vorstand der Linkspartei. Die Regierung müsse nun dafür sorgen, dass dies kein Einzelfall bleibe und auch andere Behörden ihre Vergangenheit umfassend aufarbeiteten.

D ie neue Untersuchung ergänze die vorliegenden Erkenntnisse zur Rolle des Außenministeriums durch viele Details aus den Akten und sei deshalb wichtig, sagte Westerwelle. Das Gesamtbild werde klarer. Für ihre Untersuchung durften die Experten nach Angaben des Auswärtigen Amts in großem Ausmaß Personalakten einsehen und auch auf bislang geheime Dokumente zurückgreifen.

Schockiert zeigte sich Westerwelle von der “bürokratischen Alltäglichkeit der Vernichtungspolitik„ innerhalb des Amtes, die in der Studie zu Tage trete. So habe der damalige “Judenreferent„ Franz Rademacher in den Abrechnungen seiner Spesen ganz offen die “Liquidation von Juden„ als Reisegrund angegeben. “In diesem Auswärtigen Amt konnte man Mord als Dienstgeschäft abrechnen„, sagte der Minister. Nach der Neugründung 1951 habe sich mancher dann als Mitläufer oder gar Regimegegner ausgegeben, räumte Westerwelle ein. Am Aufbau des neuen Außenministeriums seien Vertreter des alten “maßgeblich„ beteiligt gewesen.

Erneut verteidigte Westerwelle die geänderte Nachrufpraxis für frühere Mitarbeiter des Auswärtigen Amts. Wie kürzlich bekannt geworden war, hatte er das von Vorgänger Fischer erlassene generelle Verbot des Abdrucks von Nachrufen für verstorbene Ex-Diplomaten in der Mitarbeiterzeitschrift des Ministeriums aufgehoben. Fischer hatte durch die pauschale Regelung die Ehrung von Mitarbeitern mit NS-Vergangenheit verhindern wollen. Westerwelle bekräftigte, dass Nazis auch künftig nicht geehrt würden. Es gehe aber darum, das Gedenken an Unschuldige zu ermöglichen, indem nun eine Einzelfa llprüfung gestattet sei. AFP/roe