Es ist frostiges Kaiserwetter auf den Bahnhof Lübben. Zum Fahrplanwechsel hat die Bahn in die Kreisstadt von Dahme-Spreewald eingeladen. Seit dem Sonntagmorgen rauscht der Regionalexpress 2 mit Tempo 160 nun auch zwischen Cottbus und Berlin auf dem neuen Gleiskörper. Der RE 2 verkehrt pünktlich. "Es kommt einem vor, als würde der Zug schweben", schildert die Berlinerin Erika Englert ihre Fahrt von der Hauptstadt bis in den Spreewald, wo sie ihren Mann in der Lübbener Reha-Klinik besuchen will.

Hiobsbotschaft macht die Runde

Am schmucken Spreewaldbahnhof kommt unterdessen längst ein wenig Hektik auf. Eine Hiobsbotschaft macht die Runde. Ausgerechnet bei dem Zug, der den Konzernbeauftragten der Deutschen Bahn für die neuen Länder, Joachim Trettin, und eine Reihe von Landes- und Bundesprominenz in Richtung Lausitz befördern soll, streikt die Lok schon nördlich von Berlin. Typisch Vorführeffekt. Aber die "angedrohten" 40 Minuten Verspätung müssen die Reisenden zumindest ab der Hauptstadt nicht in Kauf nehmen. Ersatz ist schnell da, sodass die offizielle Eröffnung der Strecke mit dem RE 2, 12.29 Uhr ab Lübben, nicht in Gefahr gerät.

Der DB-Manager muss die Erleichterung, Freude und Genugtuung nicht spielen, die aus seinen Worten auf dem selten so überfüllten Lübbener Bahnsteig 1 sprechen. Immerhin habe sich Trettin fast zehn Jahre mit dieser Strecke beschäftigt - er erinnert an unzählige Debatten mit dem Land Brandenburg, vor allem über Kosten für die Planung und den Bau. Woher das Geld kommen solle, stand damals in den Sternen. Und dennoch hatte der damalige Brandenburger Verkehrsminister Frank Szymanski (SPD) nicht locker gelassen und im September 2006 das klare Signal ausgesandt, dass das Land die Planungskosten übernehmen werde.

Heut e ist Trettin zum Scherzen aufgelegt, dankt "dem hübscheren Herrn Szymanski" - der jetzige Cottbuser Oberbürgermeister hat seine Baudezernentin Marietta Tzschoppe nach Lübben geschickt. Damals allerdings war zwar ein Meilenstein gelegt, "aber der Ausgang völlig offen". Brandenburgs Verkehrsminister Jörg Vogelsänger (SPD) bezeichnet das Machtwort seines Vorgängers denn auch "als eine überaus mutige Entscheidung". Vogelsänger selbst hatte damals als Bundestagsabgeordneter mitgeholfen, den Lausitz-Express mit 160 km/h auf die Schiene zu bekommen. Aber es war auch der Protest aus der Region, der den damaligen Bundesminister Wolfgang Tiefensee (SPD) bewogen hat, mehr als nur dem Teilausbau Cottbus-Lübbenau zuzustimmen. Landtagsabgeordnete von Wilfried Schrey (CDU) über Kerstin Kircheis bis Martina Münch (beide SPD) forderten von Tiefensee ein klares Bekenntnis zum Komplettausbau. Vogelsänger räumt inzwischen unumwunden ein, dass der Teil zwei mit dem Streckenausbau Lübbenau-Königs Wusterhausen nur so schnell folgen konnte, "weil wir für Konjunkturpaketmittel des Bundes eine fertige Planung aus der Schublade ziehen konnten". Immerhin 140 Millionen Euro sind letztlich in diese Trasse geflossen .

"Das merkt man der Strecke auch an", schwärmt Lokführer Jörg Tittelbock. Seit 29 Jahren sitzt der Bahner aus Bestensee im Leitstand der Lokomotiven. Als er seine E-Lok der Baureihe 182 in Lübben beschleunigt, sanft in den Sitz gedrückt wird und am Ortsausgang längst Tempo 160 erreicht hat, kommt er ins Schwärmen. "Eine so gute Lok habe ich noch nie gefahren. Und dazu das neue Gleisbett." Für Tittelbock und seine 10 000-PS-Maschine ist die Welt an diesem Tag genauso in Ordnung wie für die Reisenden im RE 2.

Mathias Woithe trifft sich heute mit Freunden auf dem Berliner Weihnachtsmarkt. "Es geht schon eine Ecke schneller", sagt er. Immerhin 20 Minuten Zeitersparnis auf den 87 Kilometern von Cottbus bis in die Hauptstadt. Der Verwaltungsangestellte aus der Nähe von Luckau kann vergleichen, denn von 2006 bis 2009 ist er auf dieser Strecke immer wieder zum Studium nach Wildau unterwegs gewesen. "In gut einer Stunde von Cottbus nach Berlin - die Geschwindigkeit merkt man schon", ist auch Christina Trabandt begeistert. Da sie zurzeit eine Fernbeziehung zwischen Hamburg und dem sächsischen Großenhain lebe, seien die Anschlüsse wichtig. Und da wartet sie eine Stunde auf den nächsten ICE in die Hansestadt.

Brisantes Anschluss-Thema

Auf dieses brisante Thema ist auch die IHK Cottbus gestoßen, als ihre Experten Sommer- und Winterfahrplan verglichen haben. "Lausitzer Pendler sind jetzt schneller in Königs Wusterhausen. Aber sie verpassen ihren Abschlusszug Richtung Flughafen Schönefeld", rechnet IHK-Hauptgeschäftsführer Wolfgang Krüger vor. In einem Brief an Joachim Trettin drängt die Kammer auf baldige Änderungen, zumal sich die Fahrplangestaltung bis zur Eröffnung des BER in Schönefeld Mitte 2012 nicht ändern werde. "Das ist kein böser Wille der Fahrplankoordinatoren", gibt der DB-Manager auf RUNDSCHAU-Nachfrage zu erkennen, dass auch für die Bahn der Flughafen und dessen Erreichbarkeit höchste Priorität habe. "Das schauen wir uns noch einmal an", sichert Trettin zu.

Auf der Rückfahrt nach Berlin hat Trettin zwar noch in Erinnerung, dass die Streckenfreigabe ein ums andere Mal - von Mai bis September und Dezember - verschoben werden musste. Aber aus der fast unendlichen RE 2-Geschichte ist auch für Minister Vogelsänger längst ein mutiger Glücksfall geworden. "Wir sind mit dem Glück des Tüchtigen belohnt", sagt er. Und außerdem treffe zu: Was lange währt, wird endlich gut.

Zum Thema:

Zahlen + FaktenIn 69 Minuten - 20 schneller als zuvor - erreicht der RE 2 seit Sonntag von Cottbus aus Berlin. Alle EC-, IC- und RE-Züge sind jetzt mit 160 km/h unterwegs. 140 Millionen Euro aus dem Konjunkturpaket des Bundes sowie Eigenmittel von Bahn und Land sind in 60 Kilometer zweigleisigen Ausbau Lübbenau-Königs Wusterhausen geflossen.Die Arbeiten erstreckten sich auf Bahnkörper, Gleise, Weichen, Signale und Kommunikationsanlagen. An der 87-Kilometer-Gesamtstrecke wurden 78 Bahnübergänge erneuert.