Vollbepackt hatten die 30 Bewohner am Samstag ihr Zuhause verlassen müssen.

Sie sind zu unfreiwilligen Statisten im Agenten-Thriller um das perfide Strahlengift Polonium geworden, nach dem Spezialisten nun in allen elf Wohnungen suchen. Eine mögliche Hauptrolle spielt der russische Ex-Agent Dmitri Kowtun, ihr Nachbar - zumindest auf dem Papier der Meldebehörde. „Der hat nur den Vertrag unterschrieben, zu Gesicht bekommen haben wir ihn nie“, sagt ein Bewohner.

Kowtuns Ex-Frau wohnt mit ihren zwei Kindern im gleichen Haus. Als „sehr freundlich“ beschreibt eine Bewohnerin die 31-jährige Deutsche. Erste Hinweise auf Strahlung fanden die Ermittler aber nicht in der Erdgeschosswohnung des Russen, sondern im ersten Stock bei seiner Ex- Frau und im Haus ihrer Mutter in Haselau im Kreis Pinneberg nahe Hamburg. Das ist mindestens so rätselhaft wie Kowtuns eigene Polonium-Vergiftung, mit der er in einer Moskauer Klinik liegt. Ob er als Kontaktmann des in London mit Polonium ermordeten Kreml-Kritikers Alexander Litwinenko ebenfalls Opfer wurde oder sich als Täter aus Unkenntnis versehentlich selbst vergiftet hat, wie der britische „Guardian“ mutmaßt, ist völlig unklar.

„Das ist wirklich wie in einem James-Bond-Film“, staunt die Verkäuferin im Copy-Shop neben Haus Nummer 4 in Ottensen. In bester Agenten-Manier scheint es Kowtun gelungen zu sein, in Hamburg nicht aufzufallen. „Ich bin von morgens bis abends hier drin, aber den habe ich noch nie gesehen“, sagt die Frau vom Reisebüro einen Hauseingang weiter. Auch dem türkischen Friseur im Ladengeschäft daneben ist der 41-Jährige „völlig unbekannt“. Einen Anwohner überrascht die Schattenhaftigkeit des Russen indes gar nicht: „Das sind auch keine Leute, die exponiert in der Gegend herumlaufen und bei der Laienschauspielgruppe Altona-West mitspielen.“

Dafür schlägt die Person Kowtun während ihrer Abwesenheit um so größere Wellen. Auf dem Parkplatz vor der Polizeiwache Mörkenstraße in Altona sind gelbe und grüne Zelte zur Dekontamination aufgeschlagen worden - falls Ermittler bei der Feinuntersuchung des Kowtun-Hauses Strahlung ausgesetzt werden sollten.

„Wenn es gefährlich wäre, hätte man mich nicht in der Nacht von Freitag auf Samstag in meiner Wohnung gelassen“, ist sich ein Bewohner sicher. Inzwischen nimmt das Bundesamt für Strahlenschutz mit hoher Wahrscheinlichkeit an, dass die im Haus gefundenen Spuren von Polonium stammen könnten. Wenn dem so ist, müssten die Fundstellen aufwendig dekontaminiert werden. Nach Polizeiangaben ist aber weder an Kowtuns Ex-Frau noch an ihrer Mutter Strahlung festgestellt worden.

Passanten ist das Haus Nummer 4 inzwischen ein Begriff. „Warum schon wieder Hamburg, das ist doch komisch“, stellt eine ältere Dame kopfschüttelnd fest, um dann an die Vorbereitungen zu den Terroranschlägen vom 11. September 2001 in der Hansestadt zu erinnern. Dass der Giftmord in Hamburg vorbereitet worden sein könnte, bezeichnet die Polizei aber als reine Spekulation.