In Wirklichkeit ging es jedoch um weit mehr. Das Referendum galt als wegweisender Stimmungstest für die Regierung von Ministerpräsident Donald Tusk, dessen Vertraute Gronkiewicz-Waltz ist.

Am Tag danach waren Bürger und Beobachter allerdings kaum klüger als zuvor. Gronkiewicz-Waltz hatte die Abstimmung mit Pauken und Trompeten verloren - und doch gewonnen. 94,7 Prozent der Wähler votierten für ihre Abberufung. Da jedoch nur 25,7 Prozent der Berechtigten ihre Stimme abgaben und damit die nötige Mindestbeteiligung von 29,1 Prozent knapp verfehlt wurde, bleibt die Oberbürgermeisterin im Amt. Auf dieses Ergebnis hatten Tusk und die Strategen seiner Bürgerplattform (PO) gesetzt. Sie hatten zum Boykott des Referendums aufgerufen und sich damit den Vorwurf antidemokratischer Agitation eingehandelt. Tatsächlich dominiert derzeit in der PO die Feigheit vor dem Feind. Zuletzt hatte Tusk einen möglichen Euro-Beitritt Polens auf die lange Bank geschoben, weil der Schritt unpopulär ist. Die Regierung befindet sich seit Monaten in einer Dauerkrise, die sich in miserablen Umfragewerten niederschlägt. Nach parteiinternen Streitigkeiten ist die Mehrheit der rechtsliberalen Koalition im Parlament auf zwei Stimmen geschrumpft. Nun haben die Wähler Tusks Vertraute in der Hauptstadt zur "lame duck" zurechtgestutzt, zur politisch lahmenden Ente.

Auf der anderen Seite hat es die größte Oppositionspartei, die nationalkonservative PIS von Ex-Premier Jaroslaw Kaczynski, nach zuletzt mehreren Erfolgen bei Kommunalwahlen in der liberalen Boomstadt Warschau nicht geschafft, ausreichend Anhänger zu mobilisieren. Kaczynski schob es auf die Boykott-Aktion der PO: "Das waren Bedingungen, die dem Geist unserer Verfassung widersprechen", sagte er am Montag.

Zumindest das Schlimmste ist Tusk allerdings erspart geblieben. Erleichtert schrieb der Premier noch am Sonntag via Twitter von "einem wunderschönen Warschauer Tag" und setzte einen "Smiley" dahinter. Das lachende Gesicht allerdings wirkte dann doch übertrieben. Fakt ist: Wäre Gronkiewicz-Waltz gescheitert, hätte der Ministerpräsident sofort handeln müssen.

Spekuliert worden war über einen Rauswurf des zunehmend unpopulären Finanzministers Jacek Rostowski aus dem Kabinett. Der Kassenwart hatte sich angesichts eines mehr als zehnjährigen Daueraufschwungs in Polen für 2013 verkalkuliert. Die Konjunktur geriet aus dem Tritt. Bei nur einem Prozent Wachstum musste die Regierung nicht nur die erste Stufe der Schuldenbremse aussetzen. Das knappe Überleben der PO-Bürgermeisterin in Warschau verschafft Tusk etwas Luft. Der Regierungschef muss die kommenden Monate allerdings dringend nutzen, wenn er in den verbleibenden zwei Jahren seiner Amtszeit noch etwas bewegen will.

Schon die Europawahl im Mai 2014 gilt als neuerlicher Test für die Regierung. Verliert die PO erneut, dürfte sich die Schlinge um den Hals des Ministerpräsidenten vor der Doppelwahl 2015, wenn in Polen der Präsident und das Parlament neu bestimmt werden, schnell wieder zuziehen.