Russlands boomende Ölstadt Chanty-Mansijsk hat den Rekordpreisen für Energie viel zu verdanken: Eine pompöse Konzerthalle aus Stahl und Glas, futuristische Hochhäuser und eine der weltbesten Biathlon-Anlagen beglücken die nur etwa 60 000 Einwohner. Milliardensummen flossen in die westsibirische Kleinstadt, knapp 2000 Kilometer östlich von Moskau. Dennoch teilt der Busfahrer Ilja auf den gepflegtesten Straßen des Riesenreiches das gleiche Schicksal mit den allermeisten Autofahrern weltweit: An der Tankstelle überkommt ihn regelmäßig der große Frust. "25 Rubel kostet ein Liter Benzin. Das ist umgerechnet mehr als ein Dollar", schimpft der städtische Angestellte. Wie vielen anderen auch fällt es Ilja schwer zu begreifen, dass der Benzinpreis-Wahnsinn nicht einmal vor seiner Heimatregion haltmacht, wo immerhin jede 20. Tonne der Weltölproduktion gefördert wird.
Dass der allmächtige Gouverneur des Gebietes, Alexander Filipenko, ein gelernter Brückenbau-Ingenieur ist, lässt sich unschwer erkennen. Die vierspurige Autobahn wird - wie in den Alpen - von Dutzenden Stahlbetonstutzen getragen, obwohl nur eine Senke auf dem Weg zum Flughafen zu überwinden ist. Über den Fluss Irtysch führt eine gewaltige, knallrote Stahlbrücke von Chanty-Mansijsk in das Nichts der sibirischen Taiga. Die nächste Großstadt liegt etwa 500 Kilometer entfernt. Im Scherz nennen die Menschen ihr Chanty-Mansijsk "Stadt der Brücken", wobei in den sibirischen Sümpfen kein Hauch von Venedig zu verspüren ist.
Selbst der Stararchitekt Norman Foster, der unter anderem die Glaskuppel für den Berliner Reichstag entwarf, hat in der russischen Provinz seine Visitenkarte abgegeben. Der Meister verewigt sich im sibirischen Mini-Dubai aber nicht etwa mit einer Brücke, sondern mit einem Ensemble von bis zu 250 Meter hohen Wolkenkratzern, in der die gesamte Bevölkerung der Stadt locker Platz fände. Denn in Chanty-Mansijsk leben in etwa so viele Menschen wie in den deutschen Städten Hilden (Nordrhein-Westfalen), Stralsund (Mecklenburg-Vorpommern) oder Rosenheim (Bayern). Auch die Wohnhäuser sehen in der Metropole des Wintersports für russische Verhältnisse sehr ordentlich aus.
Mit stolzgeschwellter Brust präsentieren die Sibirjaken ihre Stadt, die erst vor einigen Jahren aus ihrem sowjetischen Dämmerzustand gerissen wurde. Überall staunt der Besucher über westlichen Komfort: sei es das drahtlose Internet im hochmodernen Flughafen vor den Toren der Stadt oder ein piekfeiner Flussbahnhof mit Marmor an den Wänden.
In Chanty-Mansijsk ist nichts von der Plackerei zu sehen, mit der in dem Verwaltungsgebiet von der Größe Frankreichs bei Winterfrösten von minus 50 Grad und bei Sommerhitze mit Mückenattacken das Öl gefördert wird. Im Gegensatz zu Hunderten anderen russischen Kleinstädten muss Chanty-Mansijsk kein Demografie-Problem fürchten. "Gut bezahlte Arbeit gibt es hier genug. Die Stadt bietet uns allen eine Perspektive", sagt der 23-jährige Student Andrej, der Arm in Arm mit seiner Freundin Inessa durch die Stadt bummelt. Mit durchschnittlich 30 000 Rubel (820 Euro) liegt das Monatseinkommen deutlich höher als anderswo in Sibirien.
Die neue Pracht findet allerdings schon einige Kilometer flussabwärts ein abruptes Ende. Am Zusammenfluss der stolzen sibirischen Flüsse Irtysch und Ob ist die Zeit seit dem Zerfall der Sowjetunion stehen geblieben. Am Wochenende fahren die Hotel-Reinemachfrauen, die Köche und Verkäuferinnen aus Chanty-Mansijsk zurück in ihre Heimatdörfer. "Die jungen Leute ziehen in die Ölstädte. Die Alten bleiben allein zurück", berichtet Anna, eine Frau um die 50, die selbst das Brot mit in ihr Dorf schleppen muss.
Die völlig heruntergekommene Siedlung Lugowskoje liegt inmitten einer gewaltigen Sumpflandschaft. Geteerte Straßen gibt es nicht. Im Sommer ist das Dorf mit dem Flussschiff und im Winter über das Eis erreichbar. Jedoch im Frühling und Herbst, wenn die Flüsse Hochwasser führen, wird es schwierig. "Da muss ich manchmal sechs Wochen in der Stadt bleiben", erzählt Anna. Denn dann ist ihr Dorf nur per Hubschrauber erreichbar.
Am Anleger inmitten von Müll und Schrott wartet eine Frau in Badelatschen und roten Leggins auf ihre Angehörigen. "Früher hatten wir hier noch ein Holzwerk, in dem rund um die Uhr gearbeitet wurde", erinnert sich die untersetzte Frau und blickt auf die Wellen des gewaltigen Ob. Doch das Werk sei schon lange geschlossen. Vom Ölboom bekomme das Dorf Lugowskoje aber nichts mit. "Das Geld verdienen andere Leute", erzählt die Frau mit gesenktem Kopf und resignierter Stimme.