Im Gegenteil: Der 61-Jährige pendelt seit 15 Monaten nur zwischen seiner Gefängniszelle und einem Gerichtssaal. Er ist der prominenteste Angeklagte des UN-Tribunals, das schwerste Menschenrechtsverletzungen im früheren Jugoslawien verfolgt. Vor zehn Jahren, am 25. Mai 1993, hat der Sicherheitsrat mit Resolution 827 den Auftrag dazu erteilt.
Die Völkergemeinschaft äußerte sich damals "aufs schwerste alarmiert" über die Berichte von Massakern und anderen Verbrechen gegen die Menschlichkeit auf dem Balkan. Heute muss sich der damalige starke Mann des Balkans gegen den Vorwurf verteidigen, die Hauptschuld an den blutigen Konflikten zu tragen.
Die Gründer des Tribunals hofften seinerzeit, dass bereits die Drohung internationaler Strafverfolgung abschreckend wirken und letztlich zum Frieden führen könne. Die Erwartung wurde zunächst enttäuscht, das Morden ging bis 1999 weiter. Es dauerte auch lange, bis ein arbeitsfähiges Tribunal entstanden war und die ersten Angeklagten vor den Richtern erschienen.
Heute ist nicht nur die Anwesenheit von Milosevic Beleg für den Erfolg des Bemühens, die Hauptverantwortlichen vor Gericht zu bringen. Im Untersuchungsgefängnis befinden sich derzeit 50 Angeklagte, 33 weitere werden noch mit internationalen Haftbefehlen verfolgt. Alle sollen an Mord, Folter und Verfolgung entscheidend mitgewirkt haben, etwa als militärische Befehlshaber oder politische Aufwiegler. Zumindest sollen sie Schlimmes nicht verhindert haben, obwohl sie es gekonnt hätten, heißt es in Anklageschriften. Bisher sind 37 Angeklagte zu Haftstrafen bis zu maximal 46 Jahren verurteilt worden, die sie in Gefängnissen verschiedener Länder verbüßen. Zwei davon sitzen in Deutschland ein. Neun Angeklagte stehen derzeit in Den Haag vor ihren Richtern.
Chefanklägerin Carla Del Ponte leitet seit 1999 die Ermittlungen. Sie setzte sich für die Auslieferung von Milosevic ein und dringt im früheren Jugoslawien auf bessere Mitarbeit. Vor allem fordert sie die Auslieferung der bosnischen Serbenführer Radovan Karadzic und Ratko Mladic.
In der vorigen Woche hatte Del Ponte acht Kartons mit Unterlagen über mutmaßliche Kriegsverbrecher nach Belgrad gebracht. Mit der Amtshilfe will sie die Behörden ermutigen, selbst Verfahren zur Aufklärung von Kriegsverbrechen einzuleiten. "Ohne Recht kann es auf dem Balkan auf Dauer keinen Frieden geben", mahnt sie.