„Wir müssen
die EU-
Kommission
in Brüssel
einschalten.“
 Klaus Freitag
vom Landesbergamt


Christoph Gerstgraser hat eine Vision: In 20 bis 30 Jahren ist entlang der Spree zwischen Cottbus und dem Spreewald eine Flussauenlandschaft zu sehen mit kleinen Nebenarmen, einer abwechslungsreichen Struktur des Wasserbettes, Feuchtgebieten und auentypischem Bewuchs. Heute gleiche die Spree in diesem Abschnitt eher einer Autobahn, sagt der Renaturierungsfachmann: „Begradigter Flusslauf, überall etwa gleiche Breite und Tiefe.“
In den kommenden Jahren soll sich das grundlegend ändern. Ein von Gerstgraser geleitetes Großprojekt soll seine Vision Wirklichkeit werden lassen. Das in der Lausitz knappe Wasser soll dadurch langsamer durch die Landschaft fließen und deren Trockenheit dauerhaft mindern. Die Planung betrifft 280 Hektar Fläche mit rund 500 Flurstücken und 800 Eigentümern. Das Bergbauunternehmen Vattenfall ist Träger des Vorhabens, das Bestandteil eines „Masterplanes“ des Brandenburger Landesumweltamtes (LUA) ist, mit dem die Spree in mehreren Abschnitten langfristig in einen naturnäheren Zustand zurückversetzt werden soll.
Dazu sollen Nebenarme der Spree wieder geöffnet oder neu angelegt, in einem Abschnitt sogar ein Deich versetzt werden. Die Eigentümer der Flächen sollen ihr Land behalten, für Nutzungseinschränkungen jedoch angemessen entschädigt werden, so die Vorstellungen von Vattenfall.
Das Bergbauunternehmen will für die zwölf Kilometer nördlich von Cottbus mehrere Millionen Euro ausgeben, vermutlich einen zweistelligen Betrag, doch nicht freiwillig. Das Spreeauenprojekt ist der geplante Ausgleich für die Überbaggerung der Lakomaer Teiche durch den Tagebau Cottbus-Nord. Ob es jedoch umgesetzt wird, hängt vom Landesbergamt und von der EU-Kommission ab.
Das Projekt ist Bestandteil eines wasserrechtlichen Genehmigungsverfahrens, das Anfang des Monats mit dem Einreichen der Pläne bei der Bergbehörde begann. Die fünf Aktenordner umfassenden Unterlagen liegen jetzt öffentlich aus und werden in den Anliegergemeinden auf Ortsversammlungen vorgestellt. Bis Ende März können Einwände dagegen eingereicht werden. Mehrere hundert Stellungnahmen sind zu erwarten.
Im Sommer soll es dann eine öffentliche Erörterung geben. Bis zum Jahresende rechnet Ingolf Arnold, Leiter Wasserwirtschaft bei Vattenfall, mit einer Entscheidung des Landesbergamtes: „In dem Beschluss steht dann genau drin, was wir dürfen.“
Für ihn eilt die Zeit. Schon 2005 müsse die über zweieinhalb Jahre geplante schrittweise Trockenlegung der Lakomaer Teiche beginnen. Im Ort müssten noch archäologische Grabungen stattfinden und Filterbrunnen gesetzt werden. Bis diese das Grundwasser auf die nötige Tiefe für den Tagebau abgesenkt hätten, vergingen weitere drei Jahre. „2007 steht die Förderbrücke vor den Teichen, da ist zeitlich keine Luft mehr“ , sagt Arnold.
Gegner der Abbaggerung von Lakoma sind von dem Spreeauenprojekt als Ausgleich nicht begeistert. „Das ist kein großer Wurf wie angekündigt, sondern eher ein Würfchen, das nicht einmal rechtzeitig fertig ist“ , sagt Rene Schuster von der Grünen Liga. Die kämpft seit Jahren mit vielfältigen Aktionen und vor Gerichten gegen die Abbaggerung von Lakoma.
Argumentiert wird von den Naturschützern dabei auch mit seltenen und geschützten Tier- und Pflanzenarten. Beispiel eins: die Rotbauchunke, die an den von der Peitzer Edelfisch GmbH in Lakoma als „Karpfenkinderstube“ bewirtschafteten Teichen in großer Zahl vorkommt. Schon in diesem Jahr sollen die Unken nach den Plänen von Vattenfall eine neue Heimat bekommen. „Nördlich von Maust wird ein Teich der Peitzer Fischer dafür umgerüstet und nächste Woche beginnen wir mit der Einrichtung eines kleinen Lebensraumes für die Unken in der Nähe des neuen Hammergrabens“ , kündigt Ingolf Arnold von Vattenfall an. Ohne das Genehmigungsverfahren abzuwarten, gehe das Unternehmen damit in Vorleistung, weil die Zeit drängt.
Als mögliches Hindernis im Genehmigungsverfahren könnte sich eher ein viel kleineres Tier erweisen. Im Spätsommer vorigen Jahres wurde in alten Bäumen am Ufer des Hammergrabens in Lakoma der Eremitenkäfer entdeckt. Er genießt den höchsten europäischen Naturschutzstatus. „Wir müssen deshalb im Verfahren die EU-Kommission in Brüssel einschalten“ , erklärt Klaus Freitag, Präsident des Landesbergamtes. Im Sommer vorigen Jahres, jedoch vor dem Käferfund, waren Vertreter der brandenburgischen Landesregierung in Brüssel, um der Kommission ihre Argumentation zu Gunsten des fortschreitenden Tagebaus Cottbus-Nord und des Ausgleichs durch das Spreeauenprojekt darzulegen.
Die Grundstückseigentümer entlang der Spree, das machte eine erste öffentliche Diskussion am Mittwochabend in Cottbus-Sielow deutlich, wollen vor allem wissen, ob und wie viel Entschädigung sie bekommen und ob künftig Grundwasser in ihre Keller steigt. Darüber wollen sie mit Vattenfall verhandeln. Rot-bauchunken und seltene Käfer sind ihnen meist egal.