Am Montag um vier Uhr steht die Republik im Westen Afrikas mit ihren 1,5 Millionen Einwohnern am Rande des Chaos - wieder einmal. Der bekanntere der beiden Kontrahenten war zweifellos Präsident Vieira, genannt "Nino". Fast 23 Jahre stand er - mit Unterbrechungen - an der Spitze des Landes, seit es 1973 die Unabhängigkeit von Portugal errang. Der 69-Jährige zählt noch zu den Weggefährten der Halbbrüder Amilcar und Luis Cabral, die die politischen Geschicke nach der Unabhängigkeit als erste in die Hand nahmen. 1980 gelangte Vieira, damals Ministerpräsident, durch einen Putsch an die Macht, bei dem Präsident Luis Cabral gestürzt wurde. Trotz seiner langen politischen Erfahrungen gelang es Vieira nicht, die vielfältigen Krisen in den Griff zu bekommen, die das Land seit den 90er-Jahren erschütterten. 1999 wurde der gelernte Elektriker bereits einmal von der Macht geputscht, einen weiteren Umsturz gab es im September 2003. Doch Vieira gelang ein unerwartetes Comeback: Im Juli 2005 wurde er wieder ins höchste Staatsamt gewählt, obwohl er unter den etablierten Parteien keinen Rückhalt genoss. Vieira wusste nur zu genau, dass es ihm an den Kragen gehen konnte. Am 23. November startete eine Gruppe von Militärs einen Anschlag auf seine Residenz, zwei seiner Leibwächter wurden ermordet. Seither wird die Präsidentenresidenz mit einem Schutzwall abgeschirmt. Doch in dieser Nacht der Abrechnungen sind alle Schutzwände vergebens: "Wir haben gesehen, wie Soldaten alles aus der Residenz mitgenommen haben, was sie mitnehmen konnten", sagt ein Augenzeuge. "Die persönlichen Sachen, das Mobiliar, alles." Militärsprecher Induta gibt unverblümt seine Interpretation der jüngsten Ereignisse. Der Staatschef sei einer "der Hauptverantwortlichen des Todes von (Generalstabschef) Tagmé", sagt er, während in der Hauptstadt Bissau noch die Kugelschüsse zu hören sind. Nach Vieiras Tod werde es in dem Land einen Neubeginn geben, prophezeit Induta. "Dieser Mann hat jeden Elan im Keim erstickt." Guinea-Bissau gehört zu den ärmsten Ländern der Welt, vier Fünftel der Bevölkerung verdienen weniger als einen Dollar pro Tag, die wirtschaftliche Lage ist desaströs. Ministerpräsident Carlos Gomes Junior versucht derweil mit aller Macht, die Nacht der langen Messer möglichst rasch zu verdrängen. Die Regierung setzt einen "Krisenausschuss" ein, die Rundfunksender sind abgeschaltet, im Zweifel regiert die Waffengewalt. Das Militär wahrt die Form und versichert, sich an die "verfassungsmäßige Ordnung" halten zu wollen.