Wolfgang Schäuble braucht nur wenige Minuten, um die Sporthalle von Mittweida zu gewinnen. "Sachsen ist Spitze unter den Ländern”, ruft der Bundesinnenminister ins Mikrofon, "das lassen wir uns nicht ka puttmachen.” Er spricht schnell, kraftvoll, die Stimme steigert sich und zieht die mehr als 230 Delegierten rasch in den Bann. "Es kann doch nicht sein, dass man vor lauter Bäumen den Wald nicht sieht”, sagt Schäuble. "Dass Sachsen das erfolgreichste Bundesland ist, hat doch nicht an der PDS gelegen.”

Schäuble begeistert Delegierte
Im Handumdrehen begeistert Schäuble die Delegierten und gibt ihnen mehr Selbstvertrauen und Optimismus zurück, als es Milbradt zuvor in seiner einstündigen Rede vermochte. Die Quittung bekommt der Ministerpräsident wenig später. 163 Delegierte stimmen für ihn, aber 58 gegen ihn, fast jeder Vierte. Ein "zufriedenstellendes Ergebnis”, nennt Milbradt diese Watsche. Es ist sein schlechtestes Ergebnis als Parteichef seit 2001. "Angesichts der Turbulenzen und der Kreisgebietsreform war nicht mehr zu erwarten”, sagt der Regierungschef. "Ich werde mich anstrengen. Es werden bessere Zeiten kommen.”
Genau das wird von Delegierten wie Spitzenfunktionären jedoch bezweifelt. Die CDU habe sich zwar zähneknirschend hinter Milbradt gestellt, heißt es, um sich selbst nicht zu beschädigen. Doch die Wiederwahl sei zugleich Milbradts letzte Chance. Jetzt komme alles darauf an, dass die Kabinettsumbildung ein großer Wurf wird. Die Riege muss bis Anfang nächster Woche stehen, damit die neuen Minister in der kommenden Landtagssitzung vereidigt werden können. Doch der Neuanfang wird Milbradt nicht genügen.
Wichtig wird auch, ob zum Jahresende der Notverkauf der Landesbank mit einem guten Ergebnis endet oder mit Verlusten für den Freistaat. Die letzte Landmarke werde die Kommunalwahl im Sommer 2008 sein. Verliert die CDU, gilt Milbradt als kaum noch tragbar. "Dann gibt es ein Gemetzel”, sagt ein ranghoher Christdemokrat. In den nächsten Monaten werde sich erweisen, wie es weitergeht, meint ein Ex-Minister. Sonst würden sich ein paar Leitwölfe überlegen, "ob es auch anders geht”. Kritiker Milbradts gehen sogar schon jetzt davon aus, dass er nicht mehr der Spitzenmann für die Wahl 2009 ist - und die Demontage im nächsten Jahr beginnt.
Nicht umsonst stehen in Mittweida die beiden Kronprinzen, Kultusminister Steffen Flath und Kanzleramtschef Thomas de Maizière, im Mittelpunkt. Werden sie sie nach dem Kandidaten für 2009 gefragt, sprechen beide in diesem Tagen viel davon, dass man einen Schritt nach dem anderen gehen müsse: "Als Partei wieder Tritt fassen, neue Leute ins Kabinett holen, die Kommunalwahlen im nächsten Jahr vorbereiten und die wichtigen Themen für uns besetzen, statt immer neue Personalspekulationen zu beginnen”, wie es de Maizière beschreibt. Das Votum des Parteitages sei "Chance und Auftrag” zugleich, sagt er. Er wird von den Delegierten mit fast 82 Prozent in den Landesvorstand gewählt, während Flath als CDU-Vize nur 72 Prozent erhält. Salomonisch hält sich derweil auch Milbradt selbst zurück. "Wenn die Partei es will, stehe ich bereit”, sagt er. Aber die Entscheidung falle erst im nächsten Jahr. "Und bis dahin fließt noch viel Wasser die Elbe herunter.”
In seiner Rede versuchte Milbradt, die jüngsten Krisen kleinzureden. "Es gibt keine Mafia oder Korruption in großem Stil in Sachsen. Die PDS hat Rufmord am Land betrieben.” Auch die Risiken aus dem Notverkauf der Landesbank seien "kein Grund zur Beunruhigung”. Nur die Kluft zwischen der Realität und der öffentlichen Stimmung sei zu groß geworden, räumt Milbradt ein. Also müssten "der Verkauf und die Kommunikation besser werden. Das ist auch meine Aufgabe.” Er wolle nicht, "dass alles den Bach runtergeht”.
Für CDU-Kreischef Roland Wöller ist am Ende des Tages klar: "Die Partei hat Milbradt einen Vertrauensvorschuss gegeben. Nun muss er seine Versprechen einlösen.” Und Flath stellt klar: "Georg Milbradt hat eine schwierige Hürde genommen. Doch es gibt nicht nur ein Weiter so.”