Ein Kompaniechef weist ihm unterstellte Soldaten mit der abfälligen Bemerkung zurecht, ob das in ihre "Scheißdrecksgehirne" hineingehe. Ein Berufssoldat mit zwei einzuschulenden Kindern weiß Ende Juli immer noch nicht, wohin er zum 1. Oktober versetzt wird. Einem Feldwebel, der sich für zwölf Jahre verpflichtet hat, wird der Ratschlag erteilt, seine Dienstzeit mangels einer heimatnahen Verwendung zu verkürzen.

Zwei Soldatinnen geben zu Protokoll, von ihrem Zugführer massiv mit sexuellen Anspielungen belästigt worden zu sein. Die Beispiele stammen aus dem am Dienstag veröffentlichten Jahresbericht des Wehrbeauftragten des Bundestages, Hellmut Königshaus. Auf rund 90 Seiten hat der "Anwalt der Soldaten" dort wieder zusammengetragen, was in der Truppe aktuell schiefläuft. Schon vor rund einem Jahr beklagte der FDP-Mann die "schlechte Stimmung" und eine "tief greifende Verunsicherung" unter den Bundeswehrangehörigen.

Gebessert hat sich offenbar kaum etwas. "Insbesondere die Dienst- und Einsatzbelastung hat vielfach die Grenzen der Belastbarkeit erreicht, teilweise bereits überschritten", meinte Königshaus am Dienstag vor Journalisten in Berlin. Als Ursache der Misere gilt die laufende Bundeswehrreform, die neben einer Abschaffung der Wehrpflicht zahlreiche Standortschließungen und massive Umstrukturierungen mit sich bringt.

In den kommenden drei Jahren soll die Truppe von gut 191 000 auf etwa 185 000 Mann schrumpfen. Die unmittelbar Betroffenen werden darüber aber häufig im Unklaren gelassen. Durch die Standortentscheidungen seien immer mehr Soldaten zum Pendeln gezwungen, was den Familienfrieden noch mehr belaste, so Königshaus. Bereits im Jahr 2011 pendelten etwa 70 Prozent der Soldaten zwischen Dienst- und Wohnort und das nicht selten gleich über mehrere Hundert Kilometer.

Viel Konfliktpotenzial

Doch es gibt noch weitere Probleme, die zu schaffen machen:

Führungsverhalten: Hier stellt der Bericht "gravierende Mängel" fest. Menschenführung, Befehlsgebung und Fürsorge gäben Anlass zur Sorge. Besonders ärgert Königshaus, dass ähnliche Dienstvergehen unterschiedlich behandelt werden. So wurde einem Soldaten im Afghanistan-Einsatz wegen zu viel Alkohols eine Geldbuße von 1500 Euro aufgebrummt, aber ein wahres Saufgelage unter Vorgesetzten auf einem Marineschiff ging für den verantwortlichen Kommandanten straffrei aus.

Auslandseinsätze: Soldaten klagen besonders über die Einsatzdauer. Offiziell vorgesehen sind eigentlich vier Monate, denen eine einsatzfreie Zeit von 20 Monaten folgen soll. In der Praxis sind aber mehr als die Hälfte der deutschen Soldaten in Afghanistan sechs Monate und länger im Einsatz. Auch die "Regenerationszeit" ist oft kürzer. Immerhin: Die Forderungen in früheren Berichten nach einer Verbesserung der Ausrüstung waren nicht vergebens. Entsprechende Korrekturen hätten mit dazu beigetragen, dass seit dem 11. Juni 2011 keine weiteren Toten unter den deutschen Soldaten mehr zu beklagen seien.

Sexismus: Im Vorjahr wurden 50 Fälle von sexuellen Übergriffen in der Truppe bekannt. Zumeist waren es unsittliche Berührungen und verbale Attacken. In 16 Fällen waren Soldatinnen die Opfer. In den meisten anderen gemeldeten Fällen richteten sich die Übergriffe gegen weibliches Zivilpersonal außerhalb des Kasernengeländes. Königshaus geht insgesamt von einer hohen Dunkelziffer aus. Eine Studie soll deshalb dem Problem auf den Grund gehen.

Kinderbetreuung: Auch Soldatenfamilien klagen über viel zu wenige Betreuungsmöglichkeiten für den Nachwuchs. Hinzu kommt, dass die gesetzlich verbriefte Elternzeit praktisch keine Rolle bei der Bundeswehrplanung spielt. Hier müsse ein Umdenken einsetzen, forderte Königshaus. Sein Fazit über den Zustand der Truppe: "Es bleibt noch viel zu tun, um die Bundeswehr zu einem attraktiven Arbeitgeber zu machen."