Im Alten Rathaus von Gubin ist Finissage einer nicht alltäglichen Ausstellung. Studenten der BTU Cottbus-Senftenberg haben zwölf Modelle entworfen und auf der polnischen Seite der Neiße ausgestellt. Es geht um einem wahrlich beeindrucken Ort und Bau der Architekturgeschichte.

Denn der deutsch-amerikanische Architekt Ludwig Mies van der Rohe, einer der bedeutendsten Architekten der Moderne, hat hier 1926 mit der Villa Wolf seinen ersten modernen Bau verwirklicht. Der kunstsinnige Textilfabrikanten Erich Wolf ließ sich am Neißehang im damals noch ungeteilten Guben sein Wohnhaus mit mehr als 1000 Quadratmetern Wohnfläche über vier Etagen errichten. Der spätere Bauhaus-Direktor von Dessau setzte in Guben erstmals um, was er unter konstruktiver Logik und räumlicher Freiheit verstand.

Das Erstlingswerk des weltberühmten Architekten hatte die IBA Fürst-Pückler-Land (2000 bis 2010) bereits verstärkt ins Licht der Öffentlichkeit gerückt. Die auf dem Grundstück der im Zweiten Weltkrieg restlos zerstörten Villa Wolf installierte "Mies-Memory-Box" verdeutlichte, welch architektonischer Juwel hier beheimatet ist. Wie dieser Ort mit den freigelegten Fundamenten der Villa zu "neuem Leben" erweckt werden könnte, haben die Studentenarbeiten aufgezeigt.

In welch äußerer Form auch immer - auf ein deutsch-polnisches Begegnungszentrum kombiniert mit dem Erstlingswerk von Mies van der Rohe lief die Mehrzahl der Entwürfe hinaus. "Die Arbeiten der Studenten sind alle besser, als ein mehrere Millionen Euro verschlingender Wiederaufbau der Villa Wolf", resümiert Prof. Leo Schmidt, BTU-Lehrstuhlinhaber für Denkmalpflege.

Damit reagiert Schmidt auf die immer konkreter werdende Absicht des Berliner Architektur-Kenners Florian Mausbach. Der Ex-Chef des Bundesamtes für Bau verfolgt seit einiger Zeit die Idee, die Villa Wolf zu rekonstruieren, sie wieder aufzubauen. Mausbach ist von der Bedeutung dieses Baus für die Europastadt Gubin/Guben fasziniert. "Das geplante Mies van der Rohe-Museum in der Villa Wolf würde europaweit und international die Aufmerksamkeit auf die Grenzregion lenken und viele Kultur- und Architekturtouristen locken", sagt Mausbach. Für ihn wäre das erste Forschungs- und Ausstellungsobjekt des Museums das Originalmodell der Villa Wolf selbst, die "Urvilla der Moderne".

Mausbach-Initiative contra regionale Vorstellungen - das Projekt um das lokale Erbe von Mies van der Rohe spaltet die Region. Als dieser Tage die zur Verfügung stehenden Mittel für das nächste Interreg-Programm der EU bekannt gegeben wurden und zugleich der mit EU-Geldern beabsichtige Wiederaufbau der Villa Wolf in die Debatte kam, schrillten in der Region die Alarmglocken. Denn viele kleine grenzüberschreitende Projekte (von Straßen- bis Brückenbau) befürchten, dass die Villa Wolf-Wiederaufbaupläne für sie den Garaus bedeuten könnten. Gubens Bürgermeister Fred Mahro (CDU), der sich zu diesem "fantastischen Projekt" noch nicht festgelegt hat, versichert aber: "Es wird nicht passieren, dass Interreg-Mittel für die Villa Wolf zulasten anderer Projekte verwendet werden."

Die Zerrissenheit um das Vorhaben macht sich auch daran fest, dass Gubins Bürgermeister Bartolomiej Barczak an der Seite von Mausbauch steht, der parallel zu den Lausitzer Aktivitäten der BTU sein Ansinnen mit Vehemenz vorantreibt. Der RUNDSCHAU teilt er mit, dass Architekturstudenten der Fachhochschule Potsdam Pläne zur Villa Wolf auf Grundlage von Dokumenten des Mies-Archivs des MoMA in New York erarbeiten. Vermittelt sei der Kontakt durch den Mitgründer der Wiederaufbau-Initiative und Mies-Experten Prof. Dr. Dietrich Neumann. Zudem würden Professoren der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin sowie der TU Posen die fachmännische Ausgrabung, Vermessung und Sicherung der Keller als Forschungsprojekt vorbereiten. Für den 11. März hat Mausbach im Kulturforum Berlin eine Auftaktveranstaltung der Initiative mit Fachleuten aus aller Welt vorgesehen.

Die Lausitzer Akteure um Prof. Leo Schmidt und den Leiter des Instituts für Neue Industriekultur (Inik) Lars Scharnhorst werden dazu wohl nicht eingeladen. "Wer Herrn Mausbach von seiner fixen Idee abbringen will, ist nicht mehr gelitten", erklärt Schmidt. "An Hochschulen redet man miteinander, erträgt auch Gegenargumente." Auf die Einladung zur erwähnten Finissage in Gubin habe der Berliner nur mit "gute Besserung" reagiert.

Mit Scharnhorst, der den fehlenden offenen Diskurs zur Villa Wolf bedauert, ist sich Schmidt einig: Die Auslobung eines internationalen Wettbewerbes würde die Chance eröffnen zu erfahren, wie Star-Architekten zum Erstlingswerk von Mies van der Rohe stehen. Inik-Chef Scharhorst will mit seinem Team bis 2019 - zum 100. Bauhaus-Geburtstag - eine grenzüberschreitende Route zur "Unbekannten Moderne" in der Region vorlegen. Die Villa Wolf gehört dazu. In welcher Form steht aber noch in den Sternen.

Zum Thema:
Die ehemalige Villa Wolf stand in der heutigen Ulica Krolewska von Gubin. Ludwig Mies van der Rohe, der später als einer der bedeutendsten Architekten der Moderne Weltruhm erlangte, hat die Villa entworfen. Sie gilt als sein "modernes Erstlingswerk". Auftraggeber war der Tuchfabrikant und Textilhersteller Erich Wolf, der mit Elisabeth Wolf verheiratet war. Ein Modell der Villa Wolf waren den Gubenern im vergangenen Jahr von einem Oldenburger Architektur-Liebhaber übergeben worden. Studenten der dortigen Jade-Hochschule hatten im Rahmen ihrer Abschlussarbeiten Modelle berühmter Bauten der Moderne erstellt und ausgestellt. Die Villa Wolf fiel 1945 dem Bombenhagel zum Opfer, brannte aus und wurde nicht wieder aufgebaut. An ihrem ehemaligen Standort erinnern eine "Mies-Memory-Box" sowie die freigelegten Fundamente an das einstige Bauwerk. Mies van der Rohe gilt als einer der bedeutendsten Architekten der Moderne. Mit den Mitteln der technischen Zivilisation wollte er diese architektonisch ordnen und repräsentieren. Er entwickelte moderne Tragstrukturen aus Stahl, die eine hohe Variabilität der Nutzflächen und eine großflächige Verglasung der Fassaden ermöglichten. Berühmt wurde er schließlich auch mit seinem Hinweis auf die Bedeutung des Wesentlichen, der seither sprichwörtlich ist: "Weniger ist mehr".