Seine russischen Landsleute, die an den Folgen des Zerfalls leiden, sind Gorbatschow dagegen immer noch böse. Gestern feierte der Friedensnobelpreisträger von 1990 in Moskau seinen 75. Geburtstag.

Bei Tschernobyl versagt
Nicht, dass Gorbatschow die Sowjetunion abschaffen wollte - er wollte das erstarrte, von Wirtschaftsproblemen geplagte Imperium mithilfe von Perestroika (Umgestaltung) und Glasnost (Offenheit) reformieren. Der am 2. März 1934 im Dorf Priwolnoje in Südrussland geborene Bauernsohn studierte Jura und machte in der Kommunistischen Partei Karriere. 1980 rückte der junge, redegewandte Funktionär in das Politbüro auf. "Mit ihm kann man ins Geschäft kommen", lobte die britische Premierministerin Margaret Thatcher 1984. Nach dem Tod der greisen Kreml-Chefs Leonid Breschnew, Juri Andropow und Konstantin Tschernenko in rascher Folge trat Gorbatschow im März 1985 an die Spitze der Sowjetunion. Im Oktober 1985 verkündete er die "Beschleunigung", später Perestroika, die Eigeninitiative und Markt in die Planwirtschaft bringen sollte. Beim ersten Test versagte die Glasnost noch, die Reaktorkatast rophe von Tschernobyl 1986 wurde über Tage auch von Gorbatschow totgeschwiegen. Doch später brachte die Öffnung den Sowjetbürgern eine bis dahin unerhörte Freiheit und einen kritischen Blick in die dunkle Vergangenheit. Fast wöchentlich wurden damals kommunistische Untaten ans Licht gebracht, verfemte Politiker rehabilitiert.
"Neues Denken" propagierte Gorbatschow auch in der Außenpolitik, für die er den Georgier Eduard Schewardnadse als Minister berief. Der Kalte Krieg zwischen Ost und West ging zu Ende, Abrüstungsgespräche machten nach langem Stillstand Fortschritte. Die Sowjetunion wurde wieder Nachbar im "Gemeinsamen Haus Europa". 1989 zog Gorbatschow die sowjetischen Truppen aus Afghanistan ab. "Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben", mahnte er 1989 den DDR-Staats- und Parteichef Erich Honecker, der sich gegen jede Veränderung sperrte.
Wenige Wochen später fiel die Berliner Mauer, wie in Warschau dankten die Kommunisten auch in Ost-Berlin, Prag, Budapest, Bukarest und Sofia ab. Im Juli 1990 sagte Gorbatschow dem damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl die Wiedervereinigung und einen Truppenabzug aus Deutschland zu. Doch innerhalb der Sowjetunion brachten die Reformen nicht den erhofften Erfolg. Die Wirtschaft brach ein, die Republiken begehrten auf, Partei und Militär wehrten sich gegen den Machtverlust. Gorbatschow lavierte zwischen den Lagern.

Verzicht auf Schießbefehl
Im August 1991 versuchten konservative Kräfte den Staatschef zu stürzen. Gorbatschow saß drei Tage gefangen auf der Krim, der Putsch scheiterte am Widerstand des russischen Präsidenten Boris Jelzin. Danach war die Sowjetunion nicht mehr zu retten. Ende 1991 lösten Russland, Weißrussland und die Ukraine den alten Staat auf. Jelzin vertrieb Gorbatschow aus dem Kreml.
An den Rändern der Ex-Sowjetunion brachen zahlreiche Kriege aus. Doch Gorbatschow selbst hat keinen Schießbefehl zum Stopp des Zerfalls gegeben. Er habe nach "der zwingenden Logik der Geschichte" gehandelt, sagte er. Gorbatschows politische Vorhaben in Russland nach dem Rücktritt scheiterten, bei der Präsidentenwahl 1996 straften ihn die Wähler mit 0,5 Prozent der Stimmen ab. Versöhnlich reagierten die Russen nur, als Gorbatschow 1999 um seine an Leukämie gestorbene Frau Raissa trauerte. Im Ausland ist der Ex-Kremlchef immer noch ein begehrter Gast. Dem 75. Geburtstag in Moskau folgt am Wochenende eine Feier in Bremen. "Der 75. ist das letzte Jubiläum, das ich feiere", kündigte Gorbatschow indes an. "Danach beginnt das Alter."