Doch wie führt Merkel die Union? Wie hat sie in den vergangenen 15 Jahren die Partei Adenauers, Ludwig Erhards und Helmut Kohls verändert?

Von Helmut Kohl, den Merkel im Zuge der Spendenaffäre vom Sockel stieß, ist überliefert, dass er ein begnadeter Netzwerker war - damals noch ohne Handy und Facebook. Sein Arm reichte bis in die Niederungen der Union hinein. Selbst Kreisvorsitzende waren nicht vor Kohls Anrufen sicher, wenn mal etwas schief lief. Die Partei war für ihn Familie.

Angela Merkel hat diese Verästelungen nicht. Sie ist auch kein Kind der CDU. Die ostdeutsche Pfarrerstochter dockte sich nach der Wende vor 25 Jahren eher zufällig an die Christdemokraten an. Für sie ist Partei ein Zweckverband, keine Herzensangelegenheit. Das ergibt sich auch aus ihrem nüchternen Pragmatismus. Merkel ist freundlich zu "ihrer" CDU, hält sie aber doch entschlossen auf Abstand. Auf jedem Parteitag ist das spürbar. Es überwiegt das protestantische Pflichtgefühl. Als Vorsitzende wie als Kanzlerin.

Jemand, der es wissen muss, erzählt: "Sie kümmert sich sehr um Details." Das ist ohnehin Merkels Markenzeichen. Die 61-Jährige weiß manchmal mehr als der Experte, der ihr gegenüber sitzt. Sie fragt nach, kommuniziert mit ihren Getreuen oft per SMS, kürzelt dann mit "am". Ein anderer sagt: "Sie hat keine ideologischen Grenzen und Tabus." Offen sei Merkel für Argumente. Dann könne sie Positionen ohne viel Aufhebens räumen.

Das erklärt, warum sich die CDU in den Merkel-Jahren so stark verändert hat. Merkel hat einen großen Teil alter christdemokratischer Überzeugungen über Bord geworfen. Die Wehrpflicht wurde abgeschafft. Mit dem Elterngeld, dem Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz und der Frauenquote verordnete sie die Kehrtwende in der Gesellschaftspolitik. Die Partei verabschiedete sich von der Atomkraft.

Sie ließ es murrend geschehen, weil Merkel im Lauf der Jahre die Macht garantierte. Nichts ist für die CDU wichtiger. Zum Prinzip der Chefin gehört, andere vorfühlen zu lassen, um dann selbst so zu tun, als würde sie die Partei und das Wahlvolk mitnehmen. So ist man immer auf der Seite der Gewinner. Deshalb duldet sie, dass ihr eigener Generalsekretär Peter Tauber derzeit für ein Einwanderungsgesetz trommelt, obwohl viele in der Partei dagegen sind. Das hätte Kohl nie zugelassen.

"Sie polarisiert nicht und spaltet nicht", lobt ihre Stellvertreterin im CDU-Vorsitz, Julia Klöckner. Merkel wolle nicht mit dem Kopf durch die Wand, sondern wäge ab. "Lebensnähe und Machbarkeit leiten ihren Führungsstil", so die Rheinland-Pfälzerin zur RUNDSCHAU. Deshalb kann die Union jetzt sogar mit den Grünen koalieren. Das erhöht die Machtoptionen. Solange Merkel die bietet, ist sie als CDU-Chefin unangefochten.

Freilich war es ein langer Weg dorthin. Merkel räumte Widersacher politisch aus dem Weg, die den Fehler begingen, sie für zu leicht zu befinden. Roland Koch, Friedrich Merz, CSU-Mann Edmund Stoiber gehört ebenso dazu. Auch musste sie 2005 schmerzliche Wahlverluste hinnehmen, als sie als Kanzlerkandidatin noch Verfechterin eines neoliberalen Kurses war. Dass es trotzdem für die Kanzlerschaft reichte, rettete sie danach.

Im Moment deutet alles darauf hin, dass Merkel 2017 noch einmal antritt und gewählt wird. Weitere Rekorde könnten dann purzeln: Adenauers 14-jährige Amtszeit als Kanzler und sogar Helmut Kohls 16 Jahre. Eines wird sie wohl nicht mehr schaffen: Nach Adenauer auch Kohl an der CDU-Spitze zu übertrumpfen. Denn der Mann aus Oggersheim führte die Partei 25 Jahre.