Die Ausgangslage der Kanzlerin ist vielleicht am einfachsten mit dem viel zitierten Glas Wasser zu beschreiben. Ist es vor der zweiten Sondierungsrunde mit der SPD am Montag halbvoll und vor dem Gespräch mit den Grünen am Dienstag halbleer? Oder ist sein Inhalt mit den Grünen prickelnder?

Bei aller Sensation, die mit der erstmaligen zweiten schwarz-grünen Sondierung im Bund in der Luft liegt - vor der Woche der Entscheidung sieht es nach einem halbvollen Glas für Schwarz-Rot aus. Sogar nach mehr als das.

Ein Gradmesser dafür ist das Treffen der CDU-Vorsitzenden Merkel mit den Parteichefs von CSU und SPD, Horst Seehofer und Sigmar Gabriel, am Freitag im Kanzleramt. Dass die drei Parteispitzen in dieser kleinstmöglichen Runde zusammenkamen, entspricht ihrem Selbstverständnis, Koalitionsverhandlungen so gut wie möglich vorzubereiten.

Unter sechs Augen lassen sich Konflikte besser besprechen als unter 42. Denn mit 21 Verhandlern der drei Parteien würde am Montag allein viel Zeit vergehen, bis Gespräche strukturiert, Themen eingekreist und Lösungen vorgeschlagen werden.

Wer Schwarz-Rot will, muss am Montag für konkrete Ergebnisse sorgen, weil es sonst am Dienstag mit den Grünen doch ernster werden könnte, als alle geglaubt haben. Schon das erste Treffen von Union und Grünen am Donnerstagabend verlief zur Überraschung der meisten Beteiligten besser als erwartet. Konstruktiv, sachlich, kenntnisreich sei die Sitzung verlaufen, erklärten danach beide Seiten. Nicht einmal Seehofer und der von ihm stets wie ein Lieblingsfeind behandelte Ex-Grünen-Fraktionschef Jürgen Trittin hätten gestichelt, heißt es. Im Gegenteil. Unionsteilnehmer äußerten sich regelrecht beeindruckt über Souveränität, Expertenwissen und Klugheit von Trittin. Da seien sie halt Profis, der Seehofer und der Trittin.

Die Grünen ziehen nun das Tempo an. Direkt nach der zweiten Runde werden sie entscheiden, ob sie eine Koalition mit der Union angehen wollen. Demnach könnte noch in der Nacht zum Mittwoch feststehen, ob Deutschland völlig neue Wege gehen oder eher bekannte Pfade aufnehmen wird.

Sagen die Grünen Nein zur Union, bleibt dieser ausschließlich die SPD als Partner. Und Ja würden die Grünen kaum ohne entsprechende Signale der Union sagen. Das Risiko, einen Korb zu bekommen, wäre zu groß. Merkel und Seehofer könnten sich kurzfristig in Telefonschalten mit ihren wichtigsten Gremien besprechen. Die Sensation wäre perfekt.

Doch die Zweifel auf beiden Seiten sind groß. "Ich halte ein solches Bündnis nicht für wahrscheinlich, aber auch nicht für unmöglich", sagt Thüringens Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht (CDU) stellvertretend für viele Politiker der CDU. Beide Parteien träfe ein solches Bündnis völlig unvorbereitet.

Dass Seehofer Schwarz-Rot will, ist kein Geheimnis. Und Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann sagt über seine Grünen, die nach den herben Wahlverlusten die Führung fast komplett austauschen: "Wir sind nun nicht gerade gut aufgestellt für solch ein Projekt."

Das ist eines der Hauptprobleme für die Union. Wo ist der grüne Kämpfer für ein Bündnis mit CDU und CSU? Man denke nur an mögliche Sonderparteitage, die die Grünen für Entscheidungen zur Energiewende oder Auslandseinsätzen einberufen könnten? Wer von den neuen Spitzen- Grünen hätte das Kaliber eines Joschka Fischer, der Parteitage drehen und Zweifler überzeugen kann? Und selbst Fischer hätte wohl Probleme, nach jahrzehntelangem Anti-Unions-Kurs der Grünen-Basis innerhalb weniger Tage Lust auf ein Bündnis mit Merkel und Seehofer zu machen.

Eine ähnliche Machtfrage stellt sich im Falle einer Entscheidung für Schwarz-Rot. Allerdings bei der SPD. Denn hier muss Gabriel die Zustimmung der Mitglieder einholen. Auch dabei ist der Union nicht wohl. Denn stimmt die SPD-Basis dagegen, wird über Neuwahlen gesprochen werden. Dann könnten die Bürger Merkel die absolute Mehrheit bescheren, meinen Unionspolitiker. Doch diese Vorstellung sei eher bedrückend als beglückend. Es heißt, Merkel regiere angesichts von Euro-Krise, Energiewende und Rentenfragen lieber mit einer stabilen Mehrheit und der Kraft zweier Parteien als mit einer knappen Alleinherrschaft, in der sie auch für alle Probleme allein verantwortlich gemacht würde.