Als sich Bundeskanzler Helmut Kohl und der polnische Regierungschef Tadeusz Mazowiecki im November 1989 in der Friedenskirche bei Kreisau (Krzyzowa) zum Friedensgruß umarmten, flossen bei beiden Männern Tränen der Rührung. Ein Vierteljahrhundert später erinnern mit Bundeskanzlerin Angela Merkel und Regierungschefin Ewa Kopacz die beiden Frauen, die heute an der Spitze der Regierungen in Berlin und Warschau stehen, ohne Gefühlsausbrüche an die historische Geste. Sie machen aber auch deutlich: Die enge Partnerschaft von heute ist keine Selbstverständlichkeit.

Merkel erinnerte am Donnerstag an den Fall der Berliner Mauer als eines der "glücklichsten Ereignisse in der jüngeren deutschen Geschichte". Zugleich räumt sie ein: "Ich verstehe, dass viele unserer Nachbarn sich skeptisch fragten, was wohl von einem wiedervereinigten Deutschland zu erwarten sei."

Sie macht deutlich, dass Skepsis ganz besonders in Polen verständlich war - dem ersten Land, das im Zweiten Weltkrieg vom nationalsozialistischen Deutschland überfallen wurde, das einem brutalen Besatzungsterror ausgesetzt war, in dem der "Zivilisationsbruch der Schoah" geschah.

"Vertreibung ist Unrecht. Doch ohne die vorangegangenen Verbrechen wäre sie nicht möglich gewesen", erinnert die Kanzlerin auch an jene Deutsche, die Polen vor allem mit Flucht und Vertreibung verbanden. Das niederschlesische Kreisau steht für die vielen einst deutschen Orte, deren Bewohner ihre Heimat verloren und in denen Menschen aus den polnischen Ostgebieten ebenfalls als Zwangsumsiedler erst eine neue Heimat finden mussten.

Das einstige Gut der Adelsfamilie von Moltke steht aber auch für die Vertreter des "anderen", des besseren Deutschlands, die auch in den dunkelsten Zeiten der nationalsozialistischen Herrschaft Pläne für eine europäische Zukunft erarbeiteten. Es ist daher kein Zufall, dass sowohl deutsche als auch polnische Regierungsvertreter vor 25 Jahren Kreisau als Ort für eine historische Geste der Annäherung beider Staaten wählten.

Am Donnerstag eröffneten Merkel und Kopacz in Kreisau gemeinsam die Ausstellung "Mut und Versöhnung", die den langen Weg der Versöhnung zeigt - vom Briefwechsel der deutschen und polnischen Bischöfe mit den Worten "Wir gewähren Vergebung und bitten um Vergebung", über den Kniefall Willy Brandts vor dem Denkmal der Kämpfer des Warschauer Ghettos bis zur Umarmung Kohls und Mazowieckis. Heute ist in Kreisau eine internationale Jugendbegegnungsstätte.

"Kreisau sollte nicht nur ein Ort der Geste von 1989 und der deutsch-polnischen Aussöhnung sein", sagt Kazimierz Wojcicki, Kurator der Ausstellung. "Denn Versöhnung, die Suche nach einer gemeinsamen Sprache, um über die schwierige Vergangenheit zu sprechen, die Suche nach Menschen, die Grenzen überwinden und einen Dialog mit dem beginnen, der als Feind gilt, ist auch heute eine große und aktuelle Notwendigkeit."

"Kreisau ist ein Ort, an dem Jugendliche lernen, dass jeder einzelne Mensch einen Unterschied machen kann", sagt Dominik Kretschmann, Leiter der Gedenkstätte, über die Bedeutung des Ortes als Treffpunkt nicht nur für Deutsche und Polen. Hier werde deutlich, "was für eine Leistung, was für ein Glück es ist, dass beide Länder es geschafft haben, wieder aufeinander zu gehen."