Zufrieden blätterten die engsten Mitarbeiter von Merkel gestern in den Zeitungen. Sie genossen die Artikel, die allesamt beschrieben, dass die CDU-Chefin aus dem Dresdner Parteitag gestärkt hervorgegangen war. Auch die Delegierten fanden die Geschlossenheit der Partei gut und zeigten neues Selbstbewusstsein. Sie applaudierten am zweiten Tag all jenen, die schärfer als bisher mit dem Koalitionspartner SPD ins Gericht gingen. Allen voran CSU-Chef Edmund Stoiber.
Der begann seine Gastrede nicht nur gleich damit, eine Negativbilanz der rot-grünen Vorgängerregierung zu ziehen ("auch wenn es der SPD nicht passt"), er hieb auch auf die aktuellen Positionen des Koalitionspartners ein. "Ohne die SPD könnte die Union eine wesentlich kraftvollere Politik machen", rief er aus und warf den Sozialdemokraten vor, bei vielen Themen "blockiert" zu haben. Als Beispiele nannte er die Videoüberwachung, das Bleiberecht, den Kombilohn, die Energiepolitik und die Türkeifrage. Zweimal griff Stoiber auch SPD-Chef Kurt Beck namentlich an. Dass dieser beim Streit um die Kruzifixe im Landgericht Trier davor gewarnt hatte, einen Kulturkampf zu entfachen, sei falsch gewesen. Damit werde der Einsatz für das Kreuz als politisch unkorrekt diffamiert. Und bei der Frage des Beitritts der Türkei zur EU, für den sich Beck ausgesprochen hatte, gebe es einen "fun damentalen Unterschied zur SPD". Für diese Passagen bekam der CSU-Chef spontanen Beifall, wobei sich Merkel allerdings zurückhielt.

Stoiber als Hüter der Werte
Stoiber sprach mit 50 Minuten Dauer nur zehn Minuten kürzen als Tags zuvor die CDU-Chefin. Seine Rede gipfelte in der Feststellung, die Union müsse ihren wertekonservativen Kern behalten und dürfe nicht schwanken. Dazu gehöre das christliche Menschenbild, der Schutz des Lebens, der Zusammenhalt von Heimat und Nation, die soziale Marktwirtschaft und die Vertretung deutscher Interessen. "Bleiben wir unseren Werten treu, dann gewinnen wir das Vertrauen der Menschen." Zuvor hatte schon Unions-Fraktionschef Volker Kauder härtere Töne gegenüber der SPD angeschlagen: "Ich stehe zur Koalitionsvereinbarung, aber wir dürfen auch klar sagen, was wir in einer anderen Koalition machen würden", sagte Kauder und nannte die Fortsetzung der Kernenergie.

Familienbegriff weiter gefasst
Mit großer Mehrheit verabschiedete der Parteitag einen familienpolitischen Leitantrag. Darin wird ausdrücklich anerkannt, dass sich der Familienbegriff im Lauf der Zeit verändert hat und es neue Formen des Zusammenlebens gibt. "Familie ist überall dort, wo Eltern für Kinder und Kinder für Eltern Verantwortung tragen."
Dass mit Dresden der Streit und die Rivalitäten nicht beendet sind, weiß auch die Parteichefin: "Als Volkspartei werden wir immer wieder Diskussionen mit unterschiedlichen Akzenten haben", rief Merkel den Delegierten in Erinnerung. Für sie sei aber wichtig, wie die CDU "die richtigen Probleme auch zur Lösung führen" könne. Mit ihrem pragmatischen, unaufgeregten Ansatz kam sie in Dresden jedenfalls weiter als die Länderchefs. Und so urteilte CDU-Vize Annette Schavan über die Parteiführung insgesamt: "Die Frauen sind vielleicht unauffälliger, aber ziemlich wirksam."