In ihrer Videobotschaft nannte Merkel die Verbrechen der Gruppe am Wochenende "ein ganz trauriges Kapitel". Sie glaube jedoch, dass jetzt alles getan werde, "damit diese Dinge wirklich vollständig aufgeklärt werden". Merkel erklärte: "Antisemitismus, Ausländerfeindlichkeit, all das sind Dinge, für die wir wirklich auch sagen müssen, dass wir uns dafür schämen, dass es das in unserem Land noch gibt. Und hier haben wir alle miteinander noch sehr viel Arbeit."

Der Präsident des Bundeskriminalamtes (BKA), Jörg Ziercke, gab sich zuversichtlich, dass die mutmaßliche NSU-Terroristin Beate Zschäpe verurteilt wird. Die Anklage sei "logisch, plausibel und sehr dicht", sagte er dem "Focus". Die Anklage sei "durch Sachbeweise und Zeugenaussagen untermauert". Auf eine Aussage der 37-Jährigen sei die Anklage nicht angewiesen. Dennoch hätte ein Geständnis eine besondere Bedeutung: "Dann hätten wir in bestimmten Punkten letzte Gewissheit."

Die Bundesanwaltschaft hat Zschäpe wegen Mittäterschaft bei zehn Morden und 15 Raubüberfällen, Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung sowie besonders schwerer Brandstiftung mit versuchtem Mord in drei Fällen angeklagt. Der Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) wird für neun Morde an ausländischen Mitbürgern verantwortlich gemacht. Zudem sollen die Terroristen eine deutsche Polizistin ermordet haben. Die Ermittler tappten 14 Jahre lang im Dunkeln.

Ziercke räumte Fehler der Sicherheitsbehörden in den jahrelangen Ermittlungen zu den Verbrechen des NSU ein, schränkte aber ein: Weder das BKA noch eine andere Bundesbehörde habe "den einen entscheidenden Fehler begangen". Zu den Fahndungspannen sagte er, er habe es nicht für möglich gehalten, "dass Täter aus rassistischer Motivation Menschen eiskalt hinrichten würden". Obwohl die Polizei bei der Mordserie an Einwanderern einen rechtsradikalen Hintergrund nicht ausschloss, habe sich der Bezug zu einer Terrorgruppe im Untergrund nie herstellen lassen.

SPD-Politiker kritisierten unterdessen den Auftritt von Finanzminister Wolfgang Schäuble vor dem NSU-Untersuchungsausschuss des Bundestages. Schäuble, in dessen zweite Amtszeit als Bundesinnenminister drei der zehn NSU-Morde fallen, hatte vor dem Ausschuss am Freitag erklärt, er sei mit der Mordserie nur am Rande befasst gewesen. Viele Fragen der Abgeordneten ließ er ins Leere laufen. Der Ausschussvorsitzende Sebastian Edathy sagte der "Mitteldeutschen Zeitung", er könne nachvollziehen, "dass Herr Schäuble in diesen Wochen vor einer erheblichen zeitlichen Belastung steht". Aber ein bisschen mehr Respekt gegenüber seinen Kollegen im Untersuchungsausschuss wäre angemessen gewesen. Die SPD-Obfrau Eva Högl ergänzte: "Herr Schäuble hat sich damals nicht interessiert für die Mordserie und heute auch nichts beigetragen zur Aufklärung der Hintergründe. Mich hat dieses Desinteresse sehr verwundert ."