Angela Merkel, so am Mittwoch ihr engster Vertrauter Peter Altmaier (beide CDU), verfüge noch über genügend Rückhalt in der Flüchtlingspolitik. "Ich habe daran keinen Zweifel", sagte der Kanzleramtsminister. Wahr ist aber auch: Es gärt, es brodelt, Unsicherheit und Unzufriedenheit in der Union wachsen. Könnte die Kanzlerin doch über die Flüchtlingsfrage fallen?

Bürgerfrust entlädt sich

Die letzten beiden Fraktionssitzungen waren für Merkel kein Zuckerschlecken. Es ging jeweils hoch her, zum Teil extrem emotional. Die meisten Abgeordneten stehen in ihren Wahlkreisen unter einem enormen Druck, wissen nicht mehr ein noch aus, weil der Bürgerfrust sich bei ihnen entlädt. In vielen Kommunen hat die Zahl der Flüchtlinge die Aufnahmekapazitäten gesprengt. Und es kommen immer mehr Asylsuchende. Der Zustrom, so heißt es, sei ungebremst, die Situation kritischer, als sie in Berlin wahrgenommen werde.

Bei Aufeinandertreffen mit Parlamentariern wird Merkel immer häufiger mit den Sorgen direkt konfrontiert. Sie soll dann meist Vorschläge einfordern, was noch getan werden müsse. Auch Merkel hat nicht mit der Dramatik gerechnet. "Die Belastungsgrenze ist überschritten", wird CSU-Landesgruppenchefin Gerda Hasselfeldt deutlich. Deshalb dürfe es keine "Denkverbote" geben, wie man dem Strom der Flüchtlinge jetzt Herr werden könne.

Ausgerechnet die Christsozialen avancieren immer mehr zur rettenden Kraft. Es ist ein Satz, den man in diesen Tagen häufiger aus der CDU hört: "Wir müssen den Bayern dankbar sein." Sie nähmen kein Blatt vor den Mund, würden die Probleme offen benennen. Das ist gefährlich für die Kanzlerin, denn dadurch entsteht der Eindruck einer Getriebenen, die das Heft nicht mehr in der Hand zu haben scheint.

Ihr schärfster Widersacher sitzt derzeit in München: CSU-Chef Horst Seehofer. Kritik seinerseits an Merkel ist nicht neu. Auch bei der Energiewende oder in der Griechenlandkrise hat er sich nicht zurückgehalten. Seehofer hat die Attacken gegen die Kanzlerin für sich und die CSU kultiviert, sie sind auch ein Teil der bayerischen Politfolklore.

Doch in der Flüchtlingspolitik sind die Angriffe so hart und unerbittlich wie noch nie zuvor. Der CSU-Chef hat auf Dauerfeuer gestellt. Dabei geht es Seehofer wohl nicht nur um die entstandenen Probleme, sondern auch darum, beim Thema Asyl den letzten Kern von Unionspolitik zu verteidigen. Alles andere hat Merkel bereits geschliffen, von Wehrpflicht bis Familienbild. In Berlin glauben einige Beobachter sogar, dass der sprunghafte Bayer diesmal vielleicht an Merkels Stuhl wackeln will.

Nachfolger nicht in Sicht

Freilich weiß auch die CSU, dass der Erfolg der Union insgesamt mit dem Namen der Kanzlerin verbunden ist. Und was wäre dann? Einst potenziell gehandelte Nachfolger haben sich selbst aus dem Rennen genommen. Vorerst zumindest. Kronprinzessin Ursula von der Leyen muss sich mit Plagiatsvorwürfen herumschlagen, auch als Verteidigungsministerin hat sie bisher nur bedingt ein glückliches Händchen. Und Kronprinz Thomas de Maizière, der Innenminister, ist in der Flüchtlingspolitik massiv unter Druck geraten, auch wenn er viel Unterstützung seitens der Abgeordneten erfährt. Eine CDU ohne Merkel - im Moment kaum vorstellbar.