So beginnt einen Tag nach dem Amtsantritt von Merkel die neue Ära der deutsch-französischen Beziehungen. Als Merkel im Juli als Kanzlerkandidatin nach Paris kam, hatte Chirac sie von seinem Protokollchef abholen lassen. Nach einer kurzen Unterredung versprachen gestern beide, die engen bilateralen Beziehungen, die von Merkels Vorgänger Gerhard Schröder (SPD) innig gepflegt wurden, weiterzuführen. Dennoch wird Merkel einiges ändern.
Vor einem Mittagessen präsentieren sich Merkel und Chirac gemeinsam. Die frisch gebackene Kanzlerin, die im schwarzen Hosenanzug angereist ist, stellt gleich klar, es gehe nicht um ein "Ritual". Es sei ihre "tiefe Überzeugung", dass ein gutes deutsch-französisches Verhältnis für ganz Europa notwendig und förderlich sei. Damit macht sie indirekt deutlich, dass ihr die Beziehung am Herzen liegt - sie aber auch ganz Europa im Blick haben will. Dass sie eine Frau ist und aus Ostdeutschland stammt, soll an ihrem Führungsstil nichts ändern. Dies sei jedenfalls kein Nachteil, sagt sie lächelnd auf die Frage einer Journalistin. Ob "weiblicher Geist" in den deutsch-französischen Beziehungen wehen werde, müsse sich noch herausstellen.

Auf Kohls Spuren
Die neue Kanzlerin sieht sich in der Tradition ihres politischen Ziehvaters, des Altbundeskanzlers Helmut Kohl. In wichtige Entscheidungen müssen nicht nur die Großen wie Frankreich eingebunden werden, sondern immer auch kleine, soll ihre Philosophie lauten.
Chirac zeigt sich erfreut, dass Merkels erste Amtshandlung dennoch eine Reise zu ihm ist - und nicht eine Visite in London. Doch der französische Staatschef fremdelt sichtlich. So weiß er nicht so recht, ob er jetzt mit einem "Kanzler" oder einer "Kanzlerin" zu tun hat. Mit Schröder verband ihn zuletzt eine offenbar echte Freundschaft. "Ich danke Ihnen sehr für ihre Geste", sagt er Merkel etwas steif. Die deutsch-französische Achse sei "solide", keine Rede von einem Bruch.
Am Nachmittag reist Merkel weiter nach Brüssel. Mit diesem weiteren Kurzbesuch am ersten Tag nach ihrem Amtsantritt will sie deutlich machen, dass die Europäische Union für ihre Politik von zentraler Bedeutung sein wird. Deshalb trifft sie in Brüssel nicht nur Kommissionspräsident José Manuel Barroso, sondern auch den Präsidenten des Europaparlaments, Josep Borrell.
Für konkretes politisches Handeln ist es allerdings zu früh. Beim Gespräch mit Nato-Generalsekretär Jaap de Hoop Scheffer geht es vor allem um Gesten. Europäische und atlantische Sicherheit lassen sich nicht trennen, die Nato bleibt für Schwarz-Rot das zentrale Instrument der Sicherheits- und Verteidigungspolitik. So steht es im Koalitionsvertrag.

Streit um EU-Finanzen
Es wird nicht lange dauern, bis erste Taten folgen müssen - zu viel liegt in der Europäischen Union derzeit brach. Da ist vor allem die Frage, wie der Haushalt der EU für die Jahre 2007 bis 2013 strukturiert wird. Merkel sprach sich schon als designierte Kanzlerin im Oktober dafür aus, die Verhandlungen zügig abzuschließen - unter britischer Ratspräsidentschaft, die am Jahresende ausläuft. Großbritannien stellt sich bisher quer und fordert eine grundlegende Neuordnung der Finanzen. In Paris beteuert Merkel, die Deutschen seien "ergebnisorientiert". Viele andere Staats- und Regierungschefs sollen sich bereits an diesem Wochenende davon überzeugen können - dann will sie auch am Europa-Mittelmeer-Gipfel im spanischen Barcelona teilnehmen.