Redet man mit Strippenziehern in beiden Parteien, dann fällt auf, wie sehr sich die Analysen gleichen. Die Gesundheitsreform wird auch intern als missglückt angesehen. Beide Parteien hätten sich zu sehr in der Verhinderung der Vorschläge der jeweils anderen gefallen, wird erklärt, beide schützten zu viele "heilige Kühe". Die eine Seite macht die aufmüpfige SPD-Fraktion dafür verantwortlich, die andere die eigensinnigen Unions-Ministerpräsidenten. Inbeiden Lagern fällt auch der Name des Kanzleramtsministers Thomas de Maizière. Unter Vorgänger Frank-Walter Steinmeier, heißt es, wäre die Gesundheitsreform bei dem unausgegorenen Stand der Vorverhandlungen so nie in den Koalitionsausschuss gekommen.

Stoiber als ständiger Neinsager
Jene Nacht der langen Messer am 2. Juli zeige, so weiter übereinstimmend, dass der großen Koalition Vertrauen und eine gemeinsame Überzeugung fehle. Mal wird dieser Mangel der Basis beider Parteien angelastet, die die Koalition letztlich nicht akzeptiere, mal den Spitzen. Die eine Seite behauptet zum Beispiel von Edmund Stoiber, dass er zwar überall dabei sein wolle, aber nur als Neinsager. Und dass Kanzlerin Angela Merkel nicht führe. Die andere wiederum sagt, bei der SPD gebe es kein Entscheidungszentrum. Der Vorsitzende Kurt Beck sei noch zu wenig verankert, Fraktionschef Peter Struck nicht durchsetzungsfähig und Vizekanzler Franz Müntefering zu sehr Alleinturner.
Das ist die Zustandsbeschreibung einer Koalition in früher Sinn- und Schaffenskrise. Sie bedeutet für Angela Merkel nach ihrer Rückkehr aus dem Urlaub nächste Woche eine gewaltige Herausforderung. Mit der Unternehmenssteuerreform, dem Kombi- und Mindestlohn und der wahrscheinlich doch umfassender ausfallenden Überarbeitung der Gesundheitsreform stehen wichtige Projekte an, bei denen sich das Schauspiel nicht wiederholen soll. Aber wie es verhindern„
Im Grunde geht es schon jetzt, nach nur neun Monaten, um nichts weniger als einen Neuanfang des Regierungsbündnisses. Klimatisch und inhaltlich. Ideen dafür gibt es freilich wenige. Eine Kabinettsumbildung“ Sie ist unwahrscheinlich. Der Austausch von Köpfen erfasse das Problem nicht und sei daher auch keine Lösung, heißt es. Zudem habe man diese Chance nur einmal. Merkel werde sie sich aufsparen. Eine Kabinettsklausur„ Ja, aber mit welchen Ergebnissen“ Eine Klausur mache nur Sinn, wenn dabei etwas herauskomme.

Viererrunde könnte Projekte vorklären
Einstweilen will man das Vertrauen auf zwei anderen Wegen wiederbeleben. Statt des fast 20-köpfigen Koalitionsausschusses soll häufiger eine intime Viererrunde aus den Parteichefs Merkel, Beck und Stoiber sowie Vizekanzler Müntefering tagen. Sie soll dem Volk signalisieren: Die verstehen sich und wollen es gemeinsam packen. Außerdem diene die Runde dazu, der jeweils anderen Seite frühzeitig zu sagen, was nicht machbar sei. Damit Überraschungen wie beim Streit um die Steuerfinanzierung des Gesundheitswesens oder bei der Föderalismusreform nicht noch mal passieren. Aber kann die Viererrunde auch Beschlüsse fassen, wenn die Chefs der letztlich entscheidenden Fraktionen, Struck und Kauder, gar nicht dabei sind? Nein, sagt man dann. Sie soll die Dinge nur vorklären.
Eine zweite Idee, noch in sehr kleinen Runden diskutiert, besteht darin, eine Art Koalitions-Manifest zu schreiben. Eine Willenserklärung und Zielvereinbarung für den Rest der Legislaturperiode. Dass der bestehende Koalitionsvertrag bis Ende dieses Jahres in seinen Kernzielen bereits abgearbeitet sein wird, sehen viele als Ursache für die derzeitige Kakophonie der Reformideen. Die Koalition brauche eine neue Begründung und neue Projekte, heißt es. Was aber konkret in einem solchen Text stehen soll, wer ihn schreibt und wer ihn beschließt, ist völlig unklar. Ganz zu schweigen von der Frage, ob die Bürger sich von Papier beeindrucken lassen.