Da ist die oft so präsidial wirkende Kanzlerin doch wieder oberste Christdemokratin. Vorsitzende der CDU, die unter der bisher zwölfjährigen Führung von Angela Merkel weit in die politische Mitte gerückt ist und dabei konservative Positionen wie die Atomkraft oder Wehrpflicht aufgegeben hat.

Kurz vor dem Bundesparteitag am Dienstag und Mittwoch in Hannover spricht sich die 58-Jährige gegen die steuerliche Gleichstellung homosexueller Paare mit verheirateten Männern und Frauen aus, die vom Ehegattensplitting profitieren. Merkel gilt als weltoffen und tolerant. Das Nein in der "Bild am Sonntag" zur steuerlichen Gleichberechtigung von Schwulen und Lesben passt irgendwie nicht richtig in dieses Bild. Wie schon ihr Nein vor 2010 auf dem Parteitag in Karlsruhe zur Präimplantationsdiagnostik (PID), mit der Mediziner nach einer künstlichen Befruchtung außerhalb des Mutterleibs Embryonen auf Erbkrankheiten testen können - der Embryo wird dann gegebenenfalls nicht in den Mutterleib eingesetzt.

Damals wie heute geht es bei dem Parteitag um noch etwas anderes Wichtiges: Merkels Wiederwahl. Hin und wieder setzt sie ein Zeichen in Richtung der Konservativen in ihrer Partei. Sie muss diesen Flügel einbinden, der in der Partei sehr klein geworden ist und immer wieder um Aufmerksamkeit ringt. Zuletzt mit dem Zusammenschluss von konservativen Mitgliedern zum "Berliner Kreis". Auslöser für die Positionierung, homosexuellen Paaren - die ja ebenfalls füreinander Verantwortung übernehmen - ein Steuerprivileg zu verwehren, ist ein Antrag des Kreisverbands Fulda an den Kongress. Er fordert die Ablehnung des Ehegattensplittings für eingetragene Lebenspartnerschaften.

Die Antragskommission rät auch dazu. "Selten dämlich" sei es, das Thema aufzurufen, da ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts dazu ausstehe und dessen bisherige Rechtsprechung eine Gleichstellung der Homosexuellen vermuten lasse, sagt ein hohes CDU-Mitglied. Genannt werden will es nicht. Die Gentests an Embryonen wurden übrigens vom Bundestag in bestimmten Fällen ein halbes Jahr nach dem CDU-Parteitagsbeschluss auch mit Stimmen von CDU-Abgeordneten für zulässig erklärt.

Der Leitantrag für den Parteitag in Hannover ist so formuliert, dass es kurz vor dem Wahljahr 2013 möglichst keinen Ärger gibt. Aber Ventile suchen sich Delegierte immer. Neben der Steuerfrage könnten das die Frauenquote ("Flexi-Quote" gegen starre Regelung) und die Renten für ältere Mütter sein, für die die Frauen-Union eine bessere Anerkennung der Kindererziehungszeiten fordert. So richtige Zerwürfnisse werden jedoch nicht erwartet. Das größte Problem für Merkel und ihre Union ist auch eher die Euro-Rettung. Merkel sagt, sie will nach der Wahl 2013 möglichst mit der FDP weiterregieren. Doch sie hat nichts zu verschenken - auch keine Leihstimmen für den schwächelnden Koalitionspartner. Auch das stellte sie in ihrem Interview mit der "Bild am Sonntag" klar. Und damit das von Anfang an so streitende schwarz-gelbe Bündnis nicht zum Schluss noch in Harmonie verfällt, macht die Kanzlerin auch gleich noch Druck auf die FDP, sich beim Thema Mindestlohn zu bewegen.

Die CDU will auf dem Parteitag ihre Haltung bestätigen zu branchen- und regionalspezifischen Lohnuntergrenzen - festgelegt durch die Tarifparteien. Einen gesetzlichen Mindestlohn lehnt aber auch Merkel ab. SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles nennt das Mogelei.

In Hannover will die CDU dem niedersächsischen Ministerpräsidenten David McAllister (CDU) für die Landtagswahl am 20. Januar Schub verleihen und sich in Einheit mit der Vorsitzenden für den Bundestagswahlkampf rüsten.

Nach einer Emnid-Umfrage für den "Focus" hat Merkel eine starke Ausgangsposition: Bei einer Direktwahl würden 57 Prozent für sie und 28 Prozent für ihren Herausforderer Peer Steinbrück (SPD) stimmen.

Merkel gilt den Deutschen danach außerdem als durchsetzungsfähiger, sympathischer, ehrlicher, glaubwürdiger, volksnäher, sozial engagierter und machtbewusster. Auch das ist ein Signal an die CDU: Sie hat derzeit keine Alternative zu Merkel.