Nach dem Rumoren der Konservativen und des Wirtschaftsflügels wollte die CDU-Chefin Ruhe in die Union bringen. Sie schrieb aber auch ihren Kritikern ins Stammbuch: "Wenn ich Parteivorsitzende bin, lege ich meine staatliche Verantwortung nicht ab." Sprich: Sie könne nicht nur an einzelne Flügel denken, sondern müsse das "große Ganze" im Blick haben. Doch kaum hatte das Interview am Mittwochmorgen in der Union seine Runde gemacht, kamen die nächsten Querschüsse. Allerdings bezeichnenderweise nicht aus der eigenen Partei, sondern aus Bayern. "Völlig unnötig" habe Merkel der Union neue Probleme verschafft und für "Irritationen" gesorgt, geißelte Bayerns Innenminister Joachim Herrmann im fernen München die Kanzlerin. Mit Herrmann erinnerte erneut ein CSU-Mann insbesondere an die Papst-kritischen Aussagen Merkels im Zusammenhang mit Holocaust-Leugner Bischof Richard Williamson. Merkel ging nur in dem Gespräch mit der "Bild"-Zeitung auf die Breitseiten aus der Union ein. Kein direktes Wort dazu am Mittwochabend auf einem Kongress zum 20-jährigen Jubiläum des Mauerfalls. Dort beschwor sie nur die Gemeinsamkeit von CDU und CSU, die deutsche Einheit zu vollenden.Im Interview verteidigte Merkel nochmals ihre Haltung zum Papst, bekannte sich aber auch zu den christlichen Wurzeln der Partei. "Ich bin auch deshalb in der CDU, weil sie das C für christlich im Namen trägt und nicht versteckt", sagte die Protestantin. "Aus dem christlichen Menschenbild mit der Nächstenliebe, der Würde jedes einzelnen Menschen als Ebenbild Gottes leiten wir alles ab." Daraus wachsen nach ihrer Ansicht die Wurzeln der Union: die christlich-soziale, die liberale und die konservative. Die katholische Kirche warnte aber dennoch an diesem Tag auch selbst: Das christliche Menschenbild dürfe nicht "zu einer Hohlformel" werden, sagte der Vertreter der Deutschen Bischofskonferenz, Karl Jüsten, in Berlin. Er räumte aber auch ein, dass die Union nicht mehr eine zunächst katholisch geprägte Partei sei. "Was aber bleibt von einer Union, die im Herzen nicht mehr so katholisch ist - noch nicht mal in den großen Kernfragen?" Diese Frage stellt der katholische Journalist Volker Resing in seinem Porträt "Angela Merkel - Die Protestantin" (St. Benno Verlag, Leipzig). Auch er glaubt, die "preußische Protestantin" habe die katholisch geprägte Partei verändert. Dabei ist vieles Althergebrachte aufgebrochen. Führende Unions-Politiker sind Protestanten. Einige Unions-Ministerpräsidenten sind geschieden oder leben getrennt. In Merkels Umgebung glaubt man, dass die Kanzlerin den Konflikt in der CDU demnächst beilegen könne, auch wenn jetzt wie von Jüsten grundsätzliche Fragen gestellt würden. Größere Sorgen bereitet das Verhalten der CSU. In Berlin ist man überrascht über die erneute Verschärfung des Münchner Tonfalls. Die Vermutung liegt nahe, dass CSU-Chef Horst Seehofer erst nach und nach erkannt hat, welche Wirkung die Papst-Worte der Kanzlerin auf seine bayerische Stammwählerschaft hat.