"Kein Kind wird zurückgelassen" - mit diesem Slogan macht die hessische SPD dem CDU-Wahlkämpfer Koch gerade Konkurrenz in der Schulpolitik. Doch in Merkels Hanauer Rede klang noch mehr so, als rede die Christdemokratin zugleich für Sozialdemokraten, Liberale und Grüne mit. Sie richtet sich mit dem neuen Grundsatzprogramm fest in der politischen Mitte ein. Von dort aus soll die CDU bei der nächsten Wahl wieder mehr als 40 Prozent erobern.
Merkel fuhr in Hanau in dem Ton fort, den sie bereits nach der Kabinettsklausur von Meseberg angeschlagen hatte. Das alte Ziel von Ludwig Erhard - "Wohlstand für alle" - laute heute "Teilhabe für alle", sagte sie, und: "Arbeit für alle bleibt unser Ziel." Anders hätte das SPD-Chef Kurt Beck auch nicht formuliert, wenn er sich nicht gerade über Störmanöver von Genossen ärgern müsste. Merkel brachte ihrer Partei auch die grünen Themen Umwelt und Klimaschutz nahe, christlich formuliert als "Bewahrung der Schöpfung". "Klimaschutz ist eine zutiefst moralische Verpflichtung", sagte die Kanzlerin zu einem Schlüsselthema ihrer internationalen Politik.
Vor dem Hanauer Kongress hatten Einzelne in der CDU gehofft, Merkel werde das konservative Profil schärfen. Doch Merkel bemühte sich bei ihrem Auftritt, alle Parteiflügel einzubinden. Deshalb kamen neben den "sozialdemokratischen" Anklängen auch die Lieblingsthemen der Konservativen in Merkels Rede vor. "Wir bekennen uns zu unserem Vaterland", sagte sie. Tugenden wie Fleiß seien "nicht altmodisch", sondern wichtig für ein Gemeinwesen. Die Familie sei und bleibe "das Fundament unserer Gesellschaft". Aber auch da schien ihr der Ausbau der Krippenbetreuung, wie sie Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen verficht, wichtiger als die "Stärkung der Erziehungskraft der Familien" durch ein Betreuungsgeld nach Wunsch der CSU.
Merkel wie Koch sehen das Konservative als eine Wurzel unter vielen in der CDU. Christlich sozial, liberal, konservativ - so lautete die Reihung bei der Kanzlerin. Ihr Stellvertreter Koch erinnerte an drei CDU-Größen aus Hessen: den Sozialpolitiker Norbert Blüm, den liberalen Walter Wallmann und den konservativen Alfred Dregger. Und an Dregger lobte der hessische Ministerpräsident nicht etwa den Patriotismus, sondern die Parteisolidarität, die er gelehrt habe. Eine große Volkspartei müsse mit ihrem Programm unterschiedliche Strömungen zusammenbringen, so Koch.
Am geschwächten Koalitionspartner SPD brauchte sich die Kanzlerin nicht abzuarbeiten. Nur Koch griff den angeb lichen Zornesausbruch von Kurt Beck vom Vortag auf: "Wir machen keinen Scheiß in der CDU, wir machen eine saubere und ordentliche Arbeit." Als größte Sünde wurde den Sozialdemokraten eine längst vergangene vorgehalten: das 20 Jahre alte Strategiepapier mit der damaligen DDR-Staatspartei SED von 1987.