Da ist vieles in den vergangenen Tagen zusammengekommen: Die ständigen Attacken der CSU, der Unmut an der Basis, die Sorge, dass die Stimmung gegenüber den Flüchtlingen womöglich kippen könnte. Das alles ist Angela Merkel nicht verborgen geblieben. Die Kanzlerin nimmt in der Flüchtlingspolitik jetzt das Heft wieder in die Hand - mit einer medialen und politischen Offensive.

Innenminister Thomas de Maizière (CDU) gab sich am Mittwoch trotzig. Mit der Entscheidung, Kanzleramtsminister Peter Altmaier (CDU) die Steuerung und Koordination der Flüchtlingspolitik zu überlassen, wolle man der Herausforderung gerecht werden, so der betroffene Minister.

Der stellvertretende Regierungssprecher Georg Streiter wurde deutlicher: Von einer Entmachtung de Maizières zu reden, sei "völliger Quatsch".

Das mag sogar richtig sein. Trotzdem ist Merkels Vorgehen für den Innenminister eine bittere Pille, die er schlucken muss. Denn der Eindruck drängt sich auf, dass er jetzt die Quittung dafür erhält, dass er zu Beginn der Flüchtlingskrise ohne Plan wirkte und dann auch noch öffentlich Merkel die Schuld für das entstandene Chaos gab.

So sieht es zumindest die Opposition: "Der Innenminister war die letzten Monate völlig überfordert", sagte Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter der RUNDSCHAU. Von Altmaier erwarte man nun zügig ein Integrationsprogramm. "Wir müssen viel mehr Mittel zur Integration mobilisieren, gerade in den Bereichen Wohnungsbau, Bildung und Arbeitsvermittlung."

Auf de Maizière verzichten kann die Kanzlerin freilich nicht. Sein Ansehen in der Unionsfraktion ist nach wie vor groß, er muss auch die Skeptiker von Merkels Willkommenpolitik bedienen. Dem Vernehmen nach hat der Innenminister für Sonntag die Amtskollegen der Bundesländer zu Beratungen über die Flüchtlingslage eingeladen - allerdings ins Kanzleramt. Es heißt, Merkel wolle mit von der Partie sein. Wenn es brenzlig wird, zieht sie die Dinge dann doch an sich.

Und die Lage ist für die Kanzlerin eindeutig brenzliger geworden in den vergangenen Wochen. CSU-Chef Horst Seehofer hat auf Dauerangriff gestellt - am Mittwoch attackierte er sie wieder während eines Gesprächs mit bayerischen Landräten und Oberbürgermeistern. Er soll von "wirksamer Notwehr" gesprochen haben, um gegen den Willen des Bundes Flüchtlingsströme zu begrenzen.

Merkel steht überdies nicht nur aus Bayern massiv unter Druck. Jetzt wurde bekannt, dass sich 34 Kreisvorstände, Bürgermeister und Landtagsabgeordnete der CDU in einem Brief an sie ihren Frust über das Vorgehen in der Flüchtlingskrise von der Seele geschrieben haben. Die gegenwärtig praktizierte "Politik der offenen Grenzen" entspreche weder dem europäischen noch deutschen Recht. Auch nicht dem Parteiprogramm, heißt es in dem Schreiben. "Ein großer Teil der Mitglieder und Wähler unserer Partei fühlt sich daher von der gegenwärtigen Linie der CDU-geführten Bundesregierung in der Flüchtlingspolitik nicht mehr vertreten."

Starker Tobak. Für die Regierungschefin wiegen solche Sätze schwer, denn damit stellen ausgerechnet jene die Loyalität zur Parteispitze infrage, die vor Ort Merkels Politik vertreten müssen. Inzwischen ist auch der Regierungschefin klar geworden, dass sie reagieren muss. Deswegen die Entscheidung pro Altmaier, ihrem loyalsten Verbündeten. Deswegen gab sie Anfang der Woche ein Radiointerview, in dem sie ihren Kurs verteidigte. Und am Mittwoch suchte sie die große Bühne als einziger Gast in der TV-Sendung "Anne Will".

So erreicht man die Basis und die Bürger. So versucht Merkel, wieder in die Offensive zu kommen.