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Menschenroboter waren gestern

Kommentar. Wer weiß denn schon, ob in einem Schüler, dem wegen seiner Sechs in Deutsch der Weg zum Studium verbaut ist, nicht ein Chirurg, Architekt oder Weltenlenker steckt? Jan Lehmann

Klar, mit einer "Uns hat das doch auch nicht geschadet"-Rhetorik kann man den Status quo an deutschen Schule noch ewig konservieren. Doch ist das erstrebenswert?

Als das aktuelle Schulsystem entstand, ging es in Kriegszeiten oder später beim Wirtschaftsaufschwung darum, Menschen zu formen, die im Gleichschritt oder im Fließband-Akkord funktionieren. Da war es praktisch, die Kinder zu eichen und anhand der Zensurenskala zu etikettieren. Die mit der "Eins" funktionieren prächtig, die mit der "Drei" sind proletarisches Mittelmaß, die mit der "Sechs" nicht zu gebrauchen.

Doch unsere Gesellschaft benötigt diese Menschenroboter nicht mehr, das kriegen die Maschinen alleine hin. Wir brauchen kreative Problemlöser, flexible Sofortreagierer, innovative Geistesblitzableiter. Mit dem System, das bei Kindern menschliche Neugier in zensurengetriebenes Aufgabenerfüllen umformatiert, werden wir die nicht finden.

Wo Zensuren verteilt werden, gibt es Verlierer, Kinder, die nicht der Norm entsprechen. Doch es ist gerade in diesen schwierigen Zeiten unsinnig, junge Menschen schon frühzeitig auszusortieren und quasi per Zensur jenem Teil der Gesellschaft zuzuführen, der sich abgehängt fühlt und seinen Frust als AfD-Wähler auslebt.

Wer weiß denn schon, ob in einem Schüler, dem wegen seiner Sechs in Deutsch der Weg zum Studium verbaut ist, nicht ein Chirurg, Architekt oder Weltenlenker steckt? Reinhard Mey singt: "Mich interessiert das Leben und nicht, wie man's buchstabiert."

Wir sollten versuchen, die jedem Kind angeborene Lernfreude zu bestärken - anstatt sie durch Noten zu bekämpfen.

jan.lehmann@lr-online.de