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Menschenrechtsort Cottbus

Cottbus. In einem Jahr soll die Dauerausstellung im Menschenrechtszentrum Cottbus eröffnet werden. Viele DDR-Polithäftlinge saßen in dem Zuchthaus ein. Am Wochenende war es Tagungsort für Menschenrechtsaktivisten aus aller Welt. Simone Wendler

Schon im Treppenhaus riecht es nach Farbe. Bis zum letzten Augenblick wurde im ehemaligen Hafthaus 1 des Cottbuser Gefängnisses in der Bautzener Straße gearbeitet. Die Arbeit der Handwerker ruht nur kurz. Am heutigen Montag wird sie fortgesetzt, doch am Wochenende war hier die 40. Jahrestagung der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) zu Gast.

"Das ist für uns eine Aufwertung unseres Anliegens", freut sich Sylvia Wähling über die IGFM-Tagung in Cottbus. Sie ist Geschäftsführende Vorsitzende des von ehemaligen Häftlingen gegründeten Trägervereins des Menschenrechtszentrums Cottbus. Wie Vereinschef Dieter Dombrowski ist sie auch Mitglied im IGFM. Die 1972 gegründete Organisation unterstützte auch politische Häftlinge in Cottbus.

"Wir wollen einen Beitrag zur Versöhnung leisten auf der Grundlage des Wissens darüber, was Deutsche Deutschen angetan haben", sagt der Brandenburger CDU-Landtagsabgeordnete am Samstag vor der IGFM-Versammlung. Das Menschenrechtszentrum soll offen sein für alle, die sich um die Wahrheit bemühten. Auch wer in der DDR Schuld auf sich geladen habe und bereit sei, das zu hinterfragen, sei willkommen.

Einer von 20 000

Dombrowski war einer von etwa 20 000 politischen Gefangenen, die zu DDR-Zeiten in Cottbus eingesperrt waren. Die meisten von ihnen gelangten über den Häftlingsfreikauf in die Bundesrepublik. Er gehört zu den Initiatoren, die sich dafür einsetzten, dass das alte Cottbuser Zuchthaus nicht komplett abgerissen wird, sondern ein Teil als Gedenk ort erhalten bleibt.

2,3 Millionen Euro vom Bund und vom Land Brandenburg machten vor einem Jahr den Weg für den Umbau frei. Inzwischen ist der Baufortschritt nicht zu übersehen. Das Erdgeschoss ist weitgehend entkernt. Gitterträger hängen an der Decke, um Kabel aufzunehmen. Türen und Fenster sind erneuert.

In einem Jahr soll hier die Dauerausstellung über die Geschichte des Zuchthauses seit 1860 und die damit verbundenen Menschenrechtsverletzungen eröffnet werden. Im dritten Stock ist ein Zellentrakt erhalten geblieben, der wieder in einen möglichst originalgetreuen Zustand versetzt werden soll.

"Die Gedenkstätte in Cottbus wird einen wichtigen Beitrag leisten zur Aufarbeitung der deutschen Geschichte", lobte Hans-Gert Pöttering (CDU), ehemaliger Präsident des EU-Parlamentes und Vorsitzender der Konrad-Adenauer-Stiftung, die Bemühungen des Vereins ehemaliger Häftlinge.

Unter den rund 200 Teilnehmern des IGFM-Treffens in Cottbus waren Vertreter aus vielen Ländern, die wegen Menschenrechtsverletzungen negative Schlagzeilen machen. Der vielleicht prominenteste Gast war Eugenia Timoschenko, Tochter der inhaftierten ehemaligen ukrainischen Ministerpräsidentin Julija Timoschenko.

Obwohl ihre Mutter seit Monaten wegen starker Rückenschmerzen nur noch liegen könne, werde ein weiterer Prozess gegen sie vorbereitet. "Ich bin besorgt um ihr Leben", sagte die Tochter der Politikerin. Julija Timoschenko, die vermutlich an einem Bandscheibenvorfall leidet, wurde im Oktober 2011 wegen eines angeblich illegalen Gasgeschäftes mit Russland zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt. Sie war die Ikone der "orangenen Revolution" und gilt als Opfer von Rachejustiz des derzeitigen Präsidenten Viktor Janukowitsch.

Auslandsreise bislang verweigert

Im Februar hatten Spezialisten der Berliner Charité Timoschenko in einem Straflager untersucht. In dem Universitätsklinikum könnte sie auch behandelt werden. Doch die ukrainische Regierung hat in Verhandlungen mit der Bundesregierung bisher nicht eingewilligt, Timoschenko ins Ausland reisen zu lassen.

Als große Ehre für Cottbus bezeichnete auch der Beigeordnete der Stadt Lothar Nicht (Linke) das IGFM-Treffen in der Lausitz. Gerade ehemalige politische Häftlinge der DDR wüssten, wie wichtig Solidarität sei mit Menschen, die wegen ihrer Überzeugung hinter dicken Gefängnismauern sitzen. Der Linke-Politiker, der inzwischen Mitglied im Trägerverein Menschenrechtszentrum Cottbus ist, scheute sich nicht, das Cottbuser Zuchthaus als einen Ort der Rechtsbeugung, Willkür und Umsetzung von Unrechtsurteilen zu bezeichnen, auch in der DDR-Zeit.

"Ich bin froh, dass ich heute mit ihnen für Freiheit und Menschenrechte eintreten darf", sagte er an die Adresse des ehemaligen DDR-Polithäftlings und heutigen CDU-Landtagsabgeordneten Dieter Dombrowski.

Weitere Hilfe zugesichert

Die Stadt Cottbus werde den Trägerverein des Menschenrechtszentrums auch weiterhin unterstützen, versprach Lothar Nicht. Der Verein mit nur etwa 80 Mitgliedern kann jede Hilfe gebrauchen.

Zum Thema:
Das Cottbuser Zuchthaus wurde 1860 eröffnet. Ab 1937 war es Frauengefängnis. In der DDR war es Männerhaftanstalt. In den 70er-Jahren entwickelte sich Cottbus zum Schwerpunktgefängnis für politische Gefangene. In einer Produktionsstätte des VEB Pentacon mussten sie Teile für Kameras fertigen, die in den Westen verkauft wurden. Nach 1989 wurde das Gefängnis umgebaut und bis 2002 als Haftanstalt genutzt. 2007 wurde es an einen Investor verkauft. 2011 kaufte der Häftlingsverein Teile der Anlage zurück. Während der derzeitigen Umbauphase sind Besichtigungen nur nach Voranmeldung möglich. Telefon: 0355/4838333 Internet: www.menschenrechtszentrum-cottbus.de