Über dieses Ergebnis staunten sogar Experten nicht schlecht: Jungwölfe, die das elterliche Rudel verlassen haben, legen größere Strecken zurück, als bislang vermutet. Mehr als 70 Kilometer legten die Tiere pro Tag zurück – eine Distanz, die Fachleute dem Wolf bislang nicht zugetraut hatten. Auch zeigten sich die Tiere als enorm anpassungsfähig. Das BfN-Projekt untersuchte das Wanderverhalten von in der Lausitz lebenden Jungwölfen. In dieser Region gibt es derzeit das größte Vorkommen des Canis Lupus in Deutschland. Sechs Tiere wurden 2009 und 2010 mit GPS-Sendern ausgestattet und ihre Streifzüge dann per Satellit verfolgt.

Ein junger Wolfsrüde wanderte nach dem Verlassen des elterlichen Rudels in etwa zwei Monaten sogar mehr als 1500 Kilometer nach Weißrussland. Ein anderer zog mehr als 400 Kilometer bis kurz vor Berlin, kehrte dann aber wieder in das elterliche Territorium zurück. Im Durchschnitt streiften die Tiere durch ein Gebiet von 172 Quadratkilometern Größe.

Sowohl die Fähigkeit zu unerwartet weiten Streifzügen als auch die für die Forscher überraschende Anpassungsfähigkeit der Tiere an die Umgebung macht laut BfN eine flächendeckende Wiederverbreitung des einstmals in Deutschland völlig ausgerotteten Wolfs wahrscheinlich.

Denn die beobachteten Exemplare hielten sich nicht nur in schützenden Waldgebieten auf, sondern auch in offenem Gelände. Ein Weibchen legte sogar keine 500 Meter von einer Straße entfernt Höhlen zur Aufzucht ihrer Jungen an.

„Man sollte sich überall in Deutschland auf das Erscheinen des Wolfs einstellen und ein möglichst konfliktfreies Miteinander von Menschen und Wölfen sicherstellen“, sagte BfN-Präsidentin Beate Jessel. „Wölfe brauchen keine Wildnis, sondern können sich auch in unserer Kulturlandschaft an die unterschiedlichsten Lebensräume anpassen.“ Genaue Prognosen über die erwartete Verbreitung seien aber nicht möglich, sagte Jessel. Aber auch im bevölkerungsreichsten Bundesland Nordrhein-Westfalen räumte sie dem Wolf etwa in der Eifel oder im Teutoburger Wald gute Chancen für eine Ansiedelung ein.

Aktuell gibt es laut BfN zwölf Rudel in Brandenburg, Sachsen und Sachsen-Anhalt. Eine solche Familie besteht aus fünf bis zehn Tieren – neben den Eltern Jungwölfe und Welpen. In der Lausitz sind nach Erkenntnissen des Kontaktbüros Wolfsregion Lausitz neun Wolfsfamilien und ein territoriales Wolfspaar in Zschorno (Spree-Neiße) nachgewiesen.

Davon sollen sechs Rudel im sächsischen Teil der Lausitz (Daubitzer-, Nochtener-, Daubaner-, Milkeler-, Seenland- und Königsbrücker-Rudel) leben. Zwei Rudel (Welzower- und Lieberoser Rudel) leben im brandenburgischen Teil der Lausitz. Das Spremberger Rudel hat sein Territorium sowohl auf sächsischem als auch auf brandenburgischem Gebiet. Außerdem gibt es nördlich von Calau (Raum Seese) bestätigte Hinweise auf Wölfe. Auch aus dem Raum Altdöbern/Greifenhain (Oberspreewald-Lausitz) gab es in den vergangenen Monaten vermehrt Hinweise auf und Nachweise von Wölfen. Die Lausitzer Reviere der Rudel und des Wolfpaares erstrecken sich über ein fast geschlossenes Vorkommensgebiet von etwa 2500 km.

Mehrere Paare und Einzeltiere wurden zudem in Hessen, Niedersachsen, Mecklenburg und Bayern gesichtet. Experten schätzen die Gesamtzahl der Wölfe hierzulande auf rund 60 Exemplare. Insgesamt hält die Studie in Deutschland Lebensraum für bis zu 440 Rudel für möglich. Die Bundesbürger zeigen sich über das Wiedererscheinen des Wolfs offenbar gelassen. Nach einer vom Bund für Umwelt und Naturschutz zur Studie präsentierten Forsa-Umfrage finden 79 Prozent der befragten 1001 Personen die Rückkehr des Wildtiers gut.