Mit Abendkleidern nach Mailand zu kommen, das ist wie mit Athen und den Eulen. Die Manufaktur Meissen wagt es trotzdem. Ende September enthüllte die italienische Konzerntochter "Meissen Italia" in Mailand 17 erlesene Kleider.

In der norditalienischen Metropole sitzen die Modehäuser Gucci, Versace, Armani, Dolce & Gabbana. Berühmte Marken, manche schon lange im Geschäft. Aber keine bringt es auf mehr als 300 Jahre, wie das Haus Meissen.

Die Tradition ist für den Geschäftsführer der Staatlichen Porzellanmanufaktur, Christian Kurtzke, das wichtigste Verkaufsargument. Wer 300 Jahre lang feinstes Geschirr an Adel und Geldadel lieferte, der kann auch Mode. Mit dem Debüt des neuen Geschäftszweigs "Meissen Couture" in der eigenen Mailänder Niederlassung sei nun "der Einstieg in die Couture gelungen", freut sich Kurtzke. Die Entwürfe stammen von Frida Weyer, einer heißen Entdeckung von der Berliner Modewoche, die die Manufaktur im Frühjahr als Chefdesignerin gewonnen hat.

In Weyers Kreationen finden sich Formen und Dekos wieder, die der Meissen-Fan von der Sammeltasse kennt. Ansonsten hat der neue Look mit der klassischen Produktpalette wenig zu tun. Den passenden Schmuck dazu liefert die Linie "Meissen Joaillerie". Die Krawatte für den Begleiter trägt das weltberühmte Markenzeichen der gekreuzten Schwerter, ebenso wie die Manschettenknöpfe und schließlich auch die Sitzmöbel aus der Reihe "Meissen Home". Das alles soll die "ganzheitliche Luxus- und Lifestylemarke" können, zu dem sich die Porzellanmanufaktur in den letzten Jahren entwickelt hat. Beispiel Wohnen: Für die neuen Produkte von "Meissen Home" gibt es seit einigen Wochen einen eigenen Showroom im Dresdner Villenvorort Blasewitz. Auf 150 Quadratmetern gibt es hier Teppiche, Vorhänge, Waschtische, Ess- und Schlafzimmer für geschmackssichere und finanzstarke Kundschaft.

Lauter höchst umstrittene Produkte, mit denen sich die Staatliche Porzellanmanufaktur Meissen nach 300 Jahren Geschichte von ihrem Kerngeschäft mit dem Weißen Gold verabschiedet.

"Meissen Home" ist eine der neuen Töchterfirmen der Porzellanmanufaktur, die neuerdings nur noch "Manufaktur Meissen" heißt und im internationalen Geschäft als "Luxusgruppe Meissen" auftritt. Die Manufaktur ist längst im Geschäft mit Schmuck, Architektur und Inneneinrichtung unterwegs.

Mit dem berühmten Label der zwei gekreuzten Schwerter werden Seidenschals, Krawatten, Kissen, Tapeten, Teppiche, Möbel und Wandpaneele verkauft, von denen vieles im Ausland entsteht. 2011 sank der Jahresumsatz von 38,7 Millionen Euro auf 37,9. Deshalb investiert die Geschäftsleitung neben der Schmucklinie "Joaillerie & Accessoires" auch in die Geschäftsbereiche "Fine Art" und "Meissen Home".

Geschäftsführer Kurtzke will Meissen als Luxusanbieter mit breiter Produktpalette an die wachsenden Märkte bringen. Die liegen neben den althergebrachten Exklusiv-Standorten Mailand und London vor allem in Asien.

Dort will die Zweigfirma Meissen Asia Pacific derzeit ins Luxusgeschäft auf den Philippinen vordringen. Die philippinischen Franchise-Nehmer, mit denen man sich dort kürzlich zusammengetan hat, hätten besonderes Interesse an den Schmuckkreationen, heißt es aus der Geschäftsleitung.

Für die Home-Linie hat die Manufaktur jüngst 100 Quadratmeter Ladenfläche im Londoner Edelkaufhaus Harrods angemietet. Am Heimatstandort indes wird dieser Kurs seit Jahren kritisiert. Allein die Eröffnung der "Villa Meissen" in Mailand kostete das Staatsunternehmen eine Million Euro. "Internationales Wachstum bedingt hohe Investitionen", sagt Kurtzke. "die zunächst unser Ergebnis belasten".

Wie sehr der Ausflug in fremdes Terrain das Ergebnis belastet, ist nicht bekannt. Immerhin stieg der Umsatz 2012 auf 39,3 Millionen Euro. Kurztke pocht darauf, dass Schals, Colliers und Badpaneele "entscheidend sind für die Zukunft der Manufaktur und zur Absicherung der Arbeitsplätze in Sachsen".