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Zynischer Wahlkampf

Kommentar. Calais ist wie kein anderer Ort in Europa zum Symbol für die Flüchtlingskrise geworden. Die Hafenstadt am Ärmelkanal steht für das jahrzehntelange Versagen der französischen Regierungen. Christine Longin

Die zweitgrößte Volkswirtschaft Europas war bisher unfähig, Tausende Flüchtlinge, die dort im Dreck leben, würdig unterzubringen.

Calais ist der Ort der Schande für Frankreich. Nach viereinhalb Jahren im Amt kam Präsident François Hollande im September zum ersten Mal dorthin, um die vollständige Räumung des Lagers zu verkünden. Der Termin war kein Zufall, denn in sechs Monaten wird in Frankreich gewählt.

Grund, auch für viele andere Politiker, sich plötzlich in Calais sehen zu lassen. Unter der Regie des fremdenfeindlichen Front National wird ein zynischer Wahlkampf mit den Flüchtlingen geführt. Die Auflösung des Lagers gehört dazu. Sie ist natürlich eine gute Sache, denn niemand kann ernsthaft wollen, dass der größte Slum Frankreichs weiter besteht.

Doch die Frage ist, wie die einstigen Bewohner des "Dschungels" anderswo aufgenommen werden und was aus ihnen wird. Wer bleiben darf, wird trotzdem große Schwierigkeiten haben, in die französische Gesellschaft hineinzufinden. Die hohe Arbeitslosigkeit ist dabei die größte Hürde. Deshalb wollen viele Flüchtlinge auch nicht bleiben, sondern weiterziehen nach Großbritannien. Und der Weg dorthin wird sie auch weiterhin über Calais führen. Der "Dschungel" wird aufgelöst, doch das Thema Flüchtlinge ist damit noch nicht vom Tisch. Dafür wird der Front National in den nächsten sechs Monaten schon sorgen.

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