ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 19:29 Uhr

Leitartikel zum Weltklimarat
Zwischen Verdrängung und Gewöhnung

Werner Kolhoff
Werner Kolhoff FOTO: LR / Redaktion
Jeder weiß, dass es gefährlich ist, beim Autofahren am Handy zu daddeln. Trotzdem tun es viele. Unfallstatistiken halten sie nicht ab. Erst wenn man selbst ein Unglück erlebt, ändert man sein Verhalten.

Verdrängung ist eine menschliche Grundeigenschaft.

Beim Klimawandel wird das immer schwieriger, denn die konkrete Erfahrung mit seinen Folgen wird intensiver. In den pazifischen Inselstaaten ist das schon lange der Fall, aber nun auch in Europa. Gletscherschmelze, Starkregen, Dürre, das sind alles keine fernen Phänomene mehr. Überflutungen an den Küsten werden dazukommen; 3,2 Millionen Deutsche wären davon nach jüngsten Schätzungen direkt betroffen. Unsere Spezies ist freilich nicht nur in Sachen Verdrängung ein Meister, sondern auch im Fach schnelle Gewöhnung. Man kauft dann eben mehr Klimaanlagen und erhöht die Deiche.

Ganz schlecht sind wir hingegen bei der Aufgabe Veränderung. Auf dem Papier steht das Ziel einer karbonfreien Wirtschaft bis 2050 spätestens seit dem G7-Gipfel von Elmau. Und seit dem Pariser Klimaabkommen ist auch eine Begrenzung der Erderwärmung auf zwei Grad, wenn irgend möglich auf 1,5 Grad, vereinbart. Nur wird viel zu wenig getan, um diese Ziele zu erreichen. Die Weltgesellschaft belügt sich sozusagen selbst.

Vor dem Klimagipfel in Kattowitz hat der wissenschaftliche Weltklimarat IPCC jetzt noch einmal herausgearbeitet, dass schnelles Handeln notwendig ist. Die gute Nachricht, dass es etwas mehr Zeit als gedacht gibt, um die 1,5 Grad noch zu erreichen, könnte dabei zugleich die schlechte sein. Denn an dieser Möglichkeit zur Verzögerung wird sich die Menschheit sofort wieder festklammern. Nicht an der schlechten Nachricht, dass die Erwärmung bei über 1,5 Grad dramatischere Auswirkungen hat als bisher angenommen. Klimaschutz muss global stattfinden. Das ist das eine. Zugleich muss ihn jeder Staat bei sich ganz kleinteilig umsetzen. Deutschland ist dabei leider kein Vorbild mehr. Zum Beispiel nicht im Verkehrssektor, wo faktisch nichts geschieht. Und auch nicht bei der Kohle.

Man kann ein internationales Klimaabkommen durch Aufkündigung verlassen wie Donald Trump. Man kann es aber auch brechen, in dem man es nicht oder nicht seinen wirtschaftlichen und technischen Möglichkeiten entsprechend umsetzt. Das ist keinen Deut besser. ⇥politik@lr-online.de