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| 18:49 Uhr

Leitartikel
Keine Einbahnstraße

Stefan Vetter
Stefan Vetter FOTO: LR / Redaktion
Würde der Fall Mesut Özil für eine sachliche und ehrliche Diskussion über richtige und falsche Vorwürfe, über Errungenschaften und Grenzen der Integration sorgen, wäre viel gewonnen. Özil hat seinen Rückzug aus der deutschen Nationalmannschaft mit rassistischen Anfeindungen und einem Defizit an persönlicher Anerkennung begründet.

Beides ist ziemlich vermessen.

Man erinnere sich nur an die unselige Bemerkung des AfD-Politikers Alexander Gauland, der – scheinbar im Namen aller Deutschen – Özils Mannschaftskollegen Jerome Boateng nicht als Nachbarn haben wollte. Darüber war das Land empört, und Gauland war blamiert.

Merke: Fußballer mit ausländischen Wurzeln haben nicht nur einen festen Platz unter Deutschlands besten Kickern, sie sind auch positiv im Bewusstsein vieler Fußballfans verankert. Auch, dass Özil nach dem deutschen WM-Sieg 2014 mit der höchsten deutschen Auszeichnung für einen Sportler geehrt wurde, zeigt, dass der Staat Leistungen eines jeden anerkennt, unabhängig davon, woher seine Vorfahren kommen.

Seitdem ist viel Zeit vergangen. Und das berühmt-berüchtigte Foto Özils mit dem türkischen Autokraten Erdogan hat viele Menschen unangenehm berührt. Und nun bekannte Özil freimütig, er würde es wieder tun. Man kann das als Widerspenstigkeit abtun, doch die Sache geht tiefer. Zumal die AfD den Fall Özil nun als Paradebeispiel für gescheiterte Integration der hier lebenden Türken aufpumpt. Wer so daherredet, will nicht wahrhaben, dass viele Türken in Deutschland Arbeitsplätze geschaffen haben und eine Stütze für den wirtschaftlichen Wohlstand des Landes sind.

Zur Wahrheit gehört aber auch, dass Sympathien für einen alles andere als lupenreinen Demokraten wie Erdogan gerade unter den in Deutschland lebenden Türken erschreckend weit verbreitet sind. Das zeigte das Ergebnis der jüngsten Präsidentschaftswahl. Und nach einer aktuellen Untersuchung des Zentrums für Türkeistudien schreitet die Entfremdung türkischstämmiger Zuwanderer von Deutschland weiter voran.

Pauschale Rassismus-Vorwürfe helfen da allerdings nicht weiter. Klar muss aber sein, dass Integration keine Einbahnstraße ist. Wer als Türke hier lebt, muss sich auch auf Deutschland einlassen, auf die Werte des Landes, auf seine freiheitlich-demokratische Grundordnung. Der Fall Özil zeigt, was dabei alles schieflaufen kann.