ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 17:00 Uhr

Die neue Welt
Wildnis Großstadt

Christine Keilholz hat in Toronto - jedenfalls für acht Monate - eine neue Heimat gefunden.
Christine Keilholz hat in Toronto - jedenfalls für acht Monate - eine neue Heimat gefunden. FOTO: Christine Keilholz
Unsere Korrespondentin Christine Keilholz ist nach Kanada ausgeflogen. Sie wurde für ein Journalisten-Seminar an der Universität Toronto ausgewählt. Über ihre Erlebnisse schreibt sie jeden Dienstag in dieser RUNDSCHAU-Kolumne.

Kanada ist bekannt als ein Land, in dem es sehr wild zugeht. Das stimmt. Die Vorstädte sind dicht besiedelt von Hörnchen.

Nach drei Wochen habe ich noch keine atemberaubende Natur zu Gesicht bekommen. Ich bin noch nicht durch endlose Weiten satten Mischwalds gewandelt, wo ungezähmte Ströme schäumen. Kein Braunbär begegnete mir, der an der Staustufe das Maul für fliegende Lachse öffnete. Kein Pottwal winkte mir am Meeresstrande mit der Fluke. Kein Eisbär fletschte für mich die Zähne. Kein Büffel schnaufte mich an. Kein Biber nagte an meinem Ast.

Ich wohne in Toronto, der größten Stadt im Lande. Toronto ist das pulsierende Herz der an sich kleinen Region, die der Mensch der Wildnis abtrotzen konnte zum Zwecke der Besiedlung – also das Festland zwischen Sankt-Lorenz-Strom, der Hudson Bay und dem oberen Ende der Großen Seen. Mehr als die Hälfte der 36 Millionen Kanadier leben hier, der Rest Kanadas ist mehr oder weniger ländlicher Raum mit viel, viel Wald. Toronto hat 2,7 Millionen Einwohner und eine überschaubare urbane Tierwelt. Die einzige wilde Herde in dieser Stadt ist die der Schnäppchenjäger, die sonnabends in das Eaton Shopping Center einfällt.

Mir reichen die Eichhörnchen, die hier durch die Parks huschen. Venedig hat Tauben, Mumbai hat Affen, Toronto hat Eichhörnchen. Genau handelt es sich um die nordamerikanische Variante, nämlich Grauhörnchen. Sie flitzen über die Straßen mit bis zu 25 Kilometern pro Stunde, sie klettern an Dachrinnen hoch, sie futtern aus Mülltonnen. Man könnte sie als Landplage bezeichnen, das tut aber keiner, denn Grauhörnchen sind furchtbar niedlich mit ihren buschigen Schwänzen.

Grauhörnchens Heimat sind die ausgedehnten Laubwälder im Osten. Das Tierchen ist für Kanada so ikonisch, dass es sogar in den Parks von Vancouver und Calgary angesiedelt wurde. Mit seinen Samen und Nüssen betreibt es eine drollige Vorratshaltung. Eine Kollegin erzählte, dass der Rollrasen in ihrem Vorgarten keine Chance hat anzuwachsen, weil die Hörnchen ihn ständig hochklappen, um ihr Abendessen darunter zu verstecken. Grauhörnchen nerven auch. Sie ziehen in Dachböden oder Autos ein, wenn sie eine Luke finden. Die Canadian Wildlife Foundation rät in solchen Fällen, Säcke mit Katzenstreu auszulegen, denn der Geruch schreckt ab.

www.lr-online.de/dieneuewelt

Das kanadische Grauhörnchen ist schnell weg, wenn es fotografiert werden soll. Dieses hier ist das Lieblingsspielzeug des Hundes meiner Mitbewohnerin, das aber dem Original sehr nahekommt.
Das kanadische Grauhörnchen ist schnell weg, wenn es fotografiert werden soll. Dieses hier ist das Lieblingsspielzeug des Hundes meiner Mitbewohnerin, das aber dem Original sehr nahekommt. FOTO: Christine Keilholz