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| 14:49 Uhr

Leitartikel zu Führung in postmodernen Zeiten
Die neue Unordnung macht die Politik ratlos

FOTO: LR
Die westlichen Demokratien haben ein Problem. Überall stellt sich die Frage, wie politische Führung der neuen Zeit aussehen könnte. Die klassische Regierungskunst steht am Scheideweg. Kann sich das autoritäre Modell der Vergangenheit halten oder muss es einer flexibleren Führung Platz machen, die auf die neue Unordnung in den Gesellschaften reagiert? Von Guido Bohsem

Die westlichen Demokratien haben ein Problem. Überall stellt sich die Frage, wie politische Führung der neuen Zeit aussehen könnte. Die klassische Regierungskunst steht am Scheideweg. Kann sich das autoritäre Modell der Vergangenheit halten oder muss es einer flexibleren Führung Platz machen, die auf die neue Unordnung in den Gesellschaften reagiert?

 Die gelben Westen in Frankreich stellen diese Frage überdeutlich. Sie fordern den autoritären Reformkurs des Präsidenten heraus und Emmanuel Macron weiß nicht, wie er dieser Herausforderung begegnen soll. Die alten Mittel jedenfalls taugen nicht, um dem partyhaften Empörungskrawall  zu begegnen, der ja alles und nichts zum Ziel hat. Soll er Härte demonstrieren oder in einen Dialog mit den Demonstranten eintreten? Soll er, mit anderen Worten, an der klassischen Politik festhalten? Oder einen neuen Weg gehen?

 Auch die CDU hat sich genau diese Frage vorgelegt, als sie am Wochenende Annegret Kramp-Karrenbauer (AKK) zur Nachfolgerin Angela Merkels an die Spitze wählten. Sie entschieden sich gegen die klassische Führung, gegen die autoritäre Selbstgewissheit wie sie Friedrich Merz verkörpert und wählten etwas anderes, wenn auch nur mit einer denkbar knappen Mehrheit. Ob AKK diese Erwartung erfüllen kann, muss sie nun zeigen.

 Doch was ist zeitgemäße Führung? Die Bindung an alte politische Organisationen wie Parteien, Gewerkschaften und Kirchen lässt beständig nach, und die Politisierung verläuft nach anderen Mustern als bisher, sie ist spontaner und projektgetriebener. All die großen Bewegungen der vergangenen Jahre mobilisieren spontan und anhand eines einzigen Themas – die Proteste gegen die Reformen in der Finanzkrise und die Proteste gegen das Freihandelsabkommen mit den USA sind nur zwei Beispiele. Sie entstehen plötzlich und kraftvoll, und sie sind in ihrer Natur asymmetrisch. Das heißt, die Bewegungen formieren sich unabhängig von den herkömmlichen Organisationen, und die üblichen politischen Ordnungskategorien von rechts und links spielen keine Rolle mehr.

 Diese neue Unordnung macht die Politik und ihre Akteure zunehmend ratlos, denn sie entstammen ja den alten Organisationsformen, und sie denken und agieren in den tradierten Politikkategorien. Stattdessen wäre aber neue, asymmetrische Regierungskunst gefragt.

 Darin steckt ein Dilemma, denn in Reinform kann diese asymmetrische Politik eben nur von Populisten propagiert werden.  Nur sie haben kein Problem, jedem alles zu versprechen. Für die demokratischen Kräfte bleibt daher nur der ungleich schwerere Weg, eine Mischung aus Härte, wo es um eigene Überzeugungen geht, und aus Zugeständnissen, die auch die mitnehmen, die von den neuen Zeiten überfordert sind. Gefragt ist die Quadratur des Kreises. Wer dieses Puzzle löst, hat das Zeug, die neue große Führungsfigur der Bundesrepublik und der westlichen Welt zu werden.

politik@lr-online.de