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| 19:25 Uhr

Leitartikel
Werte kann mannicht eintrichtern

Werner Kolhoff
Werner Kolhoff FOTO: krohnfoto.de
Nun fordern CDU und CSU also, Flüchtlingskinder müssten – neben der Sprache – erst mal deutsche Werte lernen, bevor sie in eine reguläre Klasse dürfen. Nichts gegen das Ziel. Dass Flüchtlingskinder die hiesigen Werte begreifen, ist für ihre Integration absolut notwendig. Nur ein paar Nachfragen zum konkreten Vorschlag:

Ab welchem Alter soll das denn gelten? Für Kleinkinder im Vorschulalter sind Themen wie Pressefreiheit, Gleichberechtigung und Gewaltenteilung eindeutig zu hoch. Das Modell wird nur für Jugendliche sinnvoll sein. Dann stellt sich aber zweitens die Frage: Warum nur Flüchtlingskinder? Haben nicht andere auch einen Bedarf? Zum Beispiel deutsche Kinder aus Haushalten, in denen geprügelt wird? Oder Kinder, deren Eltern aus Ländern mit zweifelhaften Erziehungs- und Rollenverständnissen kommen? Warum werden allen Kindern die gemeinsamen Werte nicht gemeinsam vermittelt? Das Wichtigste aber: Funktionieren Kinder und Jugendliche überhaupt nach dem Trichterprinzip? Oben Werte rein, unten kommt ein Staatsbürger raus? Es gibt den begründeten Verdacht, dass es viel wichtiger ist, dass Werte gelebt werden. Von allen. Von Eltern, von Lehrern, ja sogar von den Parteien.

Fakt ist, dass die Schulen mit den Problemen, die viele Kinder von zu Hause mitbringen, seit Langem heillos überfordert sind. Die vielen Flüchtlingskinder kommen noch hinzu. Zuerst wäre mehr Wertschätzung für die Grundschulen angesagt. Sie brauchen deutlich mehr Lehrkräfte und Schulsozialarbeiter, um die Verwahrlosung und Gewalterfahrung vieler Kinder halbwegs auffangen zu können. Auch durch verstärkte Elternarbeit. Zusatzangebote in Deutsch und Wertekunde könnten das dann abrunden. Hätten die anwesenden CDU/CSU-Fraktionsvorsitzenden eine solche Aufstockung als Selbstverpflichtung für ihre eigenen Länder beschlossen, man hätte den Hut ziehen müssen. So ist es bloß eine weitere populistische Idee im großen Populistenrennen dieser Zeit.

 ⇥politik@lr-online.de