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| 02:39 Uhr

Wenn Gehälter pervers werden

WernerKolhoff
WernerKolhoff FOTO: red
Der als soziale Marktwirtschaft warmverpackte Kapitalismus ist weit leistungsfähiger als die Staatswirtschaft. Der Beweis ist erbracht, zuletzt von der DDR.

Der Anreiz, Geld zu verdienen, ist eine starke Triebfeder für Effizienz, Fortschritt und Wohlstand. Deswegen wird dieser Anreiz akzeptiert und damit die Ungleichheit der Einkommen in Kauf genommen. Bei Fußballern, Musikern oder Filmschauspielern ist das Publikum sogar umso stolzer auf ihre Idole, je mehr sie verdienen. Weil man hier für als wirklich erbracht empfundene Leistungen bezahlt.

Wenn es bei Managern allerdings gar nicht die Leistung ist, sondern Kumpanei in Aufsichtsräten, die zu Millionen-Gagen und Skandal-Abfindungen selbst für gescheiterte Chefs führt, dann gerät diese Legitimation ins Wanken. Und auch, wenn die Summen, die sich die Herrschaften in den Konzernetagen selbst bewilligen, in perverser Weise vom normalen Leben abgekoppelt sind. Zehn Millionen Jahresgehalt sind pervers, Hundert Millionen, wie man sie in den USA kennt, erst recht. Auch 3100 Euro Tagesrente für Ex-VW-Chef Winterkorn. So etwas wird dem System auf Dauer seine Grundlage entziehen, nämlich die Zustimmung der Mehrheit der Menschen. Mit Neid hat die Kritik daran nichts zu tun, sondern viel mehr mit ursprünglichem Leistungsdenken und Gerechtigkeitsgefühl. Hier stimmen die Relationen nicht mehr. Freilich, wenn das System das selbst nicht begreift, ist wenig zu machen, denn auch in der sozialen Marktwirtschaft kann es keine staatlich bestimmten Gehälter geben. Das wäre ein Widerspruch in sich.

Die SPD hat das eingesehen, sie verzichtet auf eine Obergrenze. Was sie vorschlägt, ist eine Minimal-Korrektur und längst überfällig. Dass die Aktionäre wissen und bewilligen, was die Vorstände in Summe kassieren, ist auch aus deren Sicht nur richtig. Es schmälert ja ihren Gewinn. Ebenso, dass der Staat hohe Gehälter nicht auch noch über die steuerliche Absetzbarkeit mitfinanziert. Die Union sollte nicht zögern, diese Reformen mitzutragen. Schon, um nicht den falschen Eindruck zuzulassen, nur die Sozialdemokraten hätten an dieser Stelle ein sozial gerechtes Gewissen zu haben. Das haben sie ausweislich der Fälle bei VW, die unter der gnädigen Zustimmung von SPD-Politikern und Gewerkschaftern möglich wurden, ausdrücklich nicht.

Mit einer solchen Mini-Reform aber hören die Regelungsmöglichkeiten schon weitgehend auf. Deshalb muss sich eine Gesellschaft, die sich soziale Marktwirtschaft nennt, darüber Gedanken machen, wie sie es verhindern kann, dass die Ungleichheit über diesen Mechanismus immer weiter zunimmt. Innerhalb der Systemgrenzen gibt es hier eigentlich nur eine Möglichkeit: Die stärkere Besteuerung hoher Erbschaften. Denn sehr hohe Erbschaften sind Einkommen, denen vonseiten des Erben absolut keine Leistung gegenübersteht. Null. politik@lr-online.de