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| 17:35 Uhr

Kanzlerin hält Europa-Rede in Straßburg
Angela Merkels Vermächtnis:Viel Zeit bleibt ihr nicht mehr

Viele Reden sind in den vergangenen Wochen und Monaten gehalten worden. Es ging um das Friedensprojekt EU. Aber vor allem um Brexit, Italiens Finanzkrise und andere Probleme. Von Angela Merkels Rede heute vor dem Europäischen Parlament werden gute Ideen für die Zukunft des Staatenbundes erhofft.
Viele Reden sind in den vergangenen Wochen und Monaten gehalten worden. Es ging um das Friedensprojekt EU. Aber vor allem um Brexit, Italiens Finanzkrise und andere Probleme. Von Angela Merkels Rede heute vor dem Europäischen Parlament werden gute Ideen für die Zukunft des Staatenbundes erhofft. FOTO: dpa / Peter Klaunzer
Berlin/Straßburg. Europa – das war und ist das große Thema der Angela Merkel. Es ist ihr selbstgewähltes Vermächtnis. Mit großer Spannung wird deshalb heute die Rede der deutschen Kanzlerin zur Zukunft der Gemeinschaft der Länder in Straßburg erwartet. Eine Analyse von Ellen Hasenkamp

Am Blick zurück hat es in den vergangenen Tagen nicht gefehlt. In Deutschland wurde der vielfältigen Jahresringe um den Schicksalstag 9. November gedacht. Und an Schauplätzen des Ersten Weltkriegs erinnerten Beteiligte und Betroffene von damals sowohl an die Toten als auch an die Ursachen der Katastrophe vor 100 Jahren – vereint im „Nie wieder“. Deswegen muss der Blick nun auch wieder nach vorn gerichtet werden.

Europa als Friedensprojekt – diese Grundmelodie, die nach dem Fall der Mauer eine Zeitlang eher leise vor sich hin gespielt hatte, ist wieder tonangebend geworden. Dass Frankreichs Präsident Emmanuel Macron und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) am Rande des Weltkriegsgedenkens – mal wieder – über die Ukraine berieten, ist nur ein Beispiel für die insgesamt eher unfriedliche Lage rund um die Europäische Union.

Wenn Europa aber schützen soll, muss Europa auch beschützt werden. Muss selbst verteidigt werden gegen die Kräfte, für die Begriffe aus dem Wortfeld EU wie Kompromiss, Rücksichtnahme oder Zugeständnis nicht Grundlage gemeinsamer Stärke, sondern sämtlich rote Tücher sind. Macron hat die Europawahl im kommenden Jahr bereits zu einer Art Kampfabstimmung über den Populismus erklärt und bekannte sich auf seiner jüngsten Gedenkreise durch die französische Provinz unverdrossen zu einem „ehrgeizigen Europa“.

Auch Merkel hat die Herausforderung grundsätzlich angenommen und im September, ein bisschen überraschend, „Europa“ als Antwort auf ihr mögliches Vermächtnis als Kanzlerin genannt. Es wird allerdings Zeit, dass sie dieses Kapitel ihres politischen Testaments ausbuchstabiert.

Am heutigen Nachmittag wäre eine Gelegenheit: Im Europaparlament in Straßburg will Merkel ihren Beitrag zur Debatte über die Zukunft Europas leisten. Genau zuhören wird auch Macron. Seit nun schon 14 Monaten dauert sein Werben für eine Belebungs-Initiative; für ein Eurozonen-Budget, für eine Bankenunion; für eine gemeinsame Asylpolitik. Es wirkte beinahe verzweifelt, als er vor wenigen Tagen dann noch eine bislang nicht näher erläuterte „richtige europäische Armee“ dem Ideenkatalog hinzufügte.

Ob und was aus all diesen Plänen werden soll, hängt für Macron und hängt für Europa ganz entscheidend von Merkel ab. Viel Zeit für ihr selbsterklärtes Vermächtnis bleibt nun nicht mehr, womöglich nicht einmal mehr die drei Jahre bis zur nächsten Bundestagswahl. Drei Jahre zudem, in denen sie nicht mehr als die „Königin Europas“ gilt, sondern als Kanzlerin mit geteilter Macht und aufgedrucktem Enddatum.  Viel Zeit dagegen verstrich ungenutzt: Erst bremsten Wahlkampf und Koalitionsgerangel die deutsche Kanzlerin aus. Dann begannen die innenpolitischen Kräfte des jungen Präsidenten zu schwinden.

Die Bilder vom Weltkriegsgedenken zeigen das deutsch-französische Paar Merkel und Macron in dicken Mänteln und inniger Umarmung. Gemeinsam müssen sie nun nach vorne gehen.